Pin-up Kommunikation

Der universitäre Zettelbasar bietet Wohnungen, Autos, Uhren, Skripten ...



Fotos: Gekle
Manche sind geordnet wie ein englischer Garten, andere bestechen durch chaotischen Dschungel-Wildwuchs: Rund 200 Anschlagtafeln, Instituts-Schaukästen und wilde Plakatwände locken im Uni-Gebäude mit mehr oder weniger wichtigen Botschaften. Sind die "Black Boards" nur Bretter vor dem Kopf oder doch Bretter, die die Welt bedeuten? Die "Unizeit" machte die Probe aufs Exempel.

Erlebe die Faszination des Fliegens!" fordert ein schreiend gelber Zettel die ohnehin schon stark eingeschüchterten Diplomprüfungs-Kandidaten im vierten Stock des Resowi-Zentrums auf. Doch ruhig Blut: Nicht die gestrengen Prüfungen am Institut für Öffentliches Recht werden hier beworben, und auch das glatte Stiegenhaus im neuen universitären Prunkbau ist nicht gemeint. Auftraggeber des Flug-Zettels ist vielmehr die "Flugschule Spectrum Aviation" mit Sitz in Daytona Beach, Florida, die offenbar noch nichts vom neuesten Sparpaket gehört hat. Aber bitte, den angepriesenen "Info-Abend" werden sich österreichische Bettelstudenten gerade noch leisten können.

Weniger elitär geht es in den Räumlichkeiten der Hochschülerschaft im Mensa-Gebäude zu, wo sich gewissermaßen die Mutter aller Anschlagtafeln befindet. Von den "Schischuhen Dynafit, älteres Modell" über das "Lehrbuch der Physiologie, 2. Auflage" bis zum "Golf GT Rabbit" um 19.000,-- Schilling wird hier so ziemlich alles feilgeboten, was im Laufe eines Studentenlebens als Einnahmequelle herangezogen werden kann.

"Ungebrauchte" Lehrbücher

Den Schwerpunkt des Angebots bilden naturgemäß Lernunterlagen aller Art. Im Bestreben, die Ware möglichst verheißungsvoll anzupreisen, werden freilich manchmal die elementarsten Regeln studentischer Vorsicht über Bord geworfen. "Verkaufe Molekularbiologie der Zelle / ungebraucht - neuwertig!", heißt es da etwa an der Wand. Ungebraucht?! Wenn das der Prüfer wüßte... Doch Professoren sind in den ÖH-Couloirs offenbar selten zu Gast, denn geradezu unverfroren brüsten sich hier Kandidaten aller Richtungen mit der mangelhaften Verwendung ihrer Lehrbehelfe. Von "Koziol-Welser I + II, alles fast ungebraucht" bis zu "1 x ZNS, 1 x Histologie, nagelneu - jungfräulich!" spannt sich ein Bogen mangelnden Lerneifers, der förmlich nach Nichtgenügend riecht.

Kein Wunder, daß dann in letzter Minute verzweifelt eine "Vorlesungsmitschrift BWL für Juristen" oder "Soziologie-Prüfungsfragen" gesucht werden. Der regelmäßige Besuch von Vorlesungen und Prüfungen dürfte ein einträglicher Berufszweig sein, denn die aushängenden Inserate lassen regelrechte Profis erkennen. "Sie sind berufstätig und haben keine Zeit zuzuhören?" wirbt ein Plakat und bietet ein "computergeschriebenes Script" an, das "265 VWL-Fragen" beinhaltet. Die Antworten muß man sich wohl aus einem "ungebrauchten" Lehrbuch selbst heraussuchen...

Dissertation um 2.400,-- S

Stehen dann einmal größere Arbeiten an, gehen dem modernen Prüfungskandidaten wiederum dienstbare Geister zu Hand. Zum Beispiel "Ira & Klaus", die nach eigenen Angaben bei "Engpaßüberwindungen" helfen. Oder "Dago's Schreibbüro Turbotipp", das zwar mit Rechtschreibfehler, aber dennoch verheißungsvoll seine "Weihnachtsaktion" bewirbt: "Diplom- und Hausarbeiten, Dissertationen etc, Deutsch-Englisch, öS 2.400,-- (inkl. MwSt) - Paketpreis!" Sind Doktorarbeiten also doch käuflich? Nein, hier wird nur für das Abtippen geworben. "Dago"(-bert) dürfte trotzdem ein reicher Mann sein. Nomen est omen.

Doch es wären nicht Studenten, wären sie nicht auch den weltlichen Genüssen zugetan. Nicht nur für "Das Bayerische Bierfest" wird kräftig geworben, sondern vor allem das universitäre Sportinstitut ist mit Kursen für nahezu alle Lebenslagen am Schwarzen Brett omnipräsent. Vom Massagekurs um 460,-- öS ("Badetuch oder Leintuch mitnehmen") über Squash-Blöcke (360,-- S) und Karatekurse (350,-- öS, "geeignete Kleidung: Trainingsanzug") reicht das Spektrum bis zu diversen Tanzkursen (380,-- öS, "Bitte wählt im Zweifelsfall einen niedrigeren Kurs, da unser Niveau sehr hoch ist").

Wenig beliebt dürften die angebotenen "Morgenübungen" sein: Qui Gong- und Tai Chi Seminare, die laut Plan jeden Mittwoch von 6 bis 7 Uhr stattfinden. Das Offert kam offenbar nicht an, denn die Uhrzeit ist durchgestrichen und wurde handschriftlich auf 7 bis 8 Uhr korrigiert. Unmutsäußerung eines Langschläfers oder Ultimatum des Kursleiters an chronisch Zuspätkommende? Rätsel über Rätsel...

Parfum gegen Fernseher

Wie auf allen echten Flohmärkten ist auch an der ÖH-Wand die Preisgestaltung interessant. Ein "Grundriß Bürgerliches Recht" kostet mit 300,-- öS so viel wie ein Paar gebrauchte Schischuhe oder der "Mistral Kletterführer Südfrankreich" oder eine Autobus-Tagesfahrt nach Budapest. Noch recht günstig ist die "Federkernmatratze Ikea" um 500,-- öS, während das "Chanel No 5 Eau de Toilette, 100 ml, originalverpackt" bereits auf 700,-- öS kommt. Das Duftwasser liegt damit etwa im Preissegment des "Lehrbuch der Physiologie Klinke/Silbernagel, 2. Auflage" oder des "Portable SW-Fernseher, sehr zuverlässiges Gerät" (je 800,-- öS).

Akte X - Mystische Angebote

Rätselhafte Berechnungen liegen den Angeboten eines Snowboard-Wiederverkäufers zugrunde. Er offeriert das "M3" um "2.777,-- statt 9.000,--", das "Scorpion" dagegen um exakt 4.111,-- öS statt 9.000,-- Schilling. Schließlich gibt es auch Angebote, mit denen ein Normalsterblicher überhaupt nichts anfangen kann. Beispiel gefällig? "KORG T3, der Nachfolger des legendären M1!" heißt es reißerisch auf einem Verkaufsplakat, und dann wird der völlig rätselhafte Gegenstand näher beschrieben: "Anschlagsdyn. Midi compatibel, Sequenzer, 300 Sounds, div. Anschlüsse, Ständer". Daß es sich zumindest mit Sicherheit um kein Telefon handelt, geht aus dem letzten Satz hervor: "Hinterlaß Deine Tel.Nr., habe selbst keines!"

Herrscht auf studentischen Black Boards fast immer das siebenfach überklebte Wildplakatierer-Chaos der Marke "Stecknadel im Papierhaufen", so strahlen offizielle Instituts-Wandtafeln meist den sterilen Charme amtlicher Glaskästen aus. Ein Musterbeispiel für diese Spezies ist die fast leere Vitrine des Medienkundlichen Lehrgangs in der Heinrichstraße. Drei mäßig interessante, dafür geometrisch angeordnete Verlautbarungen, dazwischen viel leerer Spantafel-Hintergrund. Kein Wunder, daß solch ungenützte Quadratzentimeter auf die zahlreich amtierenden Plakatier-Trupps eine starke Anziehungskraft ausüben. Doch halt! Wildplakate werden hier rigoros entfernt wie Unkraut aus einem englischen Garten.

Philosophischer Tafelkampf

Der unsichtbare Kampf, der zwischen beiden Wandtafel-Philosophien ewig hin- und herwogt, hinterläßt nur dann und wann seine Spuren. Etwa auf der Anschlagtafel des Geographie-Instituts, wo zwischen mannigfaltigen Exkursions-Sonderangeboten (von Barcelona bis St. Nikolai im Sausal) der folgende Hinweis prangt: "An sich ist diese Tafel nicht für Fliegende Teppichhändler, WohnungshändlerInnen und ähnliche Gewerbetreibende gedacht. Dafür gibt's die Tafel gegenüber."

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