Salto mortale

Biomechanische Studie führt zu erhöhter Sicherheit beim Schispringen



Foto: Müller
Andi Goldberger im revolutionären V-Stil
Die menschliche Bewegung zu verstehen heißt nicht nur, den Bogen von den molekularen Mechanismen der Muskelkraft bis zu den makroskopischen Bewegungsvorgängen zu spannen, sondern auch in die äußerst komplexe Welt kognitiver Fähigkeiten und motorischer Leistungen unseres Nervensystems Einblick zu bekommen. Eine Anwendungsmöglichkeit davon ist es, sportliche Bewegungen biomechanisch zu analysieren und zu optimieren.

Im Jahr 1989 überraschte der Schispringer Jan Bokloev die Fachwelt durch einen neuen Flugstil: er hielt die Schispitzen weit auseinander und erzielte mit dieser neuen Flughaltung auffallend große Sprungweiten. Für den damaligen österreichischen Trainer Mag. Anton Innauer, einen Absolventen der Universität Graz, stellte sich die Frage, ob dieser Flugstil auch für seine Springer Vorteile bringen könnte, ob er den Schritt wagen sollte, die gesamte österreichische Mannschaft auf diese Technik umzustellen. Er wandte sich damals an UD Mag. Dr. Wolfram Müller vom Institut für Medizinische Physik und Biophysik, um die Vor- und Nachteile aus physikalischer Sicht auszuloten.

Erstes, qualitatives Modell

Ein erstes, qualitatives Modell der Physik des Schispringens im V-Stil entstand. Innauer stellte vor dem Winter 1991/92 die gesamte Mannschaft auf den V-Stil um. Auch die routinierten Springer Felder, Vettori und Kuttin mußten umlernen. Es folgte eine Saison mit einer bislang einmaligen Serie von Erfolgen der "Adler", darunter 5 von 7 möglichen olympischen Medaillen. Die stürmische Entwicklung warf auch neue Probleme auf: das Schispringen wurde zusehends gefährlicher. In der Saison 1993/94 beobachtete man 10 urplötzlich auftretende Vorwärtsrotationen im Flug. Zahlreiche Weltklasseathleten, darunter auch Andreas Goldberger (WM in Harrachov) und Werner Rathmayr (WM in Falun) stürzten schwer und verletzten sich. Wolfram Müller wurde vom Internationalen Schiverband beauftragt, die Ursachen für die unbeabsichtigten "Salto mortale"-Abgänge zu eruieren und Sicherheitsvorschläge zu erarbeiten. Bei turbulenter Strömung, wie sie beim Schispringen auftritt, ist es nicht möglich, die Luftkräfte rechnerisch mit ausreichender Genauigkeit zu bestimmen, da die der Fluid-Dynamik zugrunde liegenden Gleichungen (Navier-Stokes) chaotisches Verhalten zeigen.

Testserie im Windkanal

Umfangreiche Meßserien im großen Windkanal der Bundesforschungsanstalt Arsenal (5 m x 5 m Querschnitt) waren erforderlich, um die während des Fluges auf die Athleten wirkenden Luftkräfte und Drehmomente zu ermitteln. Zudem wurden die Positionen vieler Weltklasseathleten während des Fluges im Feld gemessen und ausgewertet. So entstand eine umfassende Datensammlung, aus der die auftretenden Luftkräfte und Drehmomente während eines Schisprunges zu entnehmen sind. Der V-Stil brachte höhere Auftriebskräfte mit sich und führte in Verbindung mit einer nach hinten versetzten Bindung zu extremen und instabilen Fluglagen. Müller schlug vor, eine Limitierung der Vorderschilänge, des Abstandes der Bindung von der Schispitze, im Reglement zu verankern und auch die Dicke der Sprunganzüge zu reduzieren. Die FIS folgte diesen Empfehlungen. Die Vorderschilängen dürfen seither 57% der gesamten Schilänge nicht überschreiten und die Dicke der Sprunganzüge wurde auf 8 mm reduziert. Die Folge war, daß in der anschließenden Saison 1994/95 nur ein Absturz bei Weltcupspringen beobachtet wurde.

Ein Computersimulationspaket (Dynamix), das DI Dr. Dieter Platzer (ebenfalls Institut für Medizinische Physik und Biophysik) für eine große Klasse von Simulationsproblemen konzipiert hatte, stellte die Basis für die Entwicklung eines umfassenden Computermodells des Schispringens dar. Dabei werden die Windkanaldatensätze als Input-Größen für die Simulation verwendet. Dadurch ist es erstmals möglich, beliebige Haltungsänderungen während des Fluges in der Modellrechnung zu berücksichtigen und sehr verläßliche Vorhersagen der Flugbahnen zu erhalten. Sogar der Einfluß von Windböen auf die Flugphase sowie veränderte Ausrüstungskomponenten können am Rechner simuliert werden.

Foto: Müller
Toni Innauer im klassischen Stil mit dem 76er Anzug

Bei den Tests wurde auch Toni Innauer mit seinem 76er Material (mit dem er Schiflugweltmeister wurde) bewertet, um die Entwicklung des Schispringens rekonstruieren zu können: Durch die Verbesserungen am Materialsektor und durch den neuen Flugstil bekam die Aerodynamik wesentlich größere Bedeutung. Die Luftkräfte, die heute auf den Springer einwirken, sind um etwa 80% größer als zu Innauers Zeiten. Der kräftige Absprung ist damit nicht mehr der dominante Faktor beim Schispringen. Die Kunst des Absprunges liegt heute darin, in äußerst kurzer Zeit einen optimalen Drehimpuls zu erzeugen, damit der Springer möglichst rasch eine günstige aerodynamische Position erreichen kann. Hier ist auch eines der Geheimnisse für die Erklärung der Dominanz von Andi Goldberger zu suchen. Sein "Bordcomputer" leistet diese äußerst schwierige Optimierungsaufgabe perfekt å und das natürlich in "Real-time".

Vorteil Leichtgewicht

Auch geringes Körpergewicht ist vorteilhaft. Bereits 1 kg weniger bringt 1 - 2 m Sprungweite mehr. Dementsprechend gering sind die Körpergewichte der Springer. Andi Goldbergers 56 kg bei 170 cm liegen im guten Mittelfeld, im Spitzenfeld der Leichtgewichtshitparade findet man u.a. den Deutschen Duffner (60 kg bei 182 cm) und den Italiener Cecon (59 kg bei 179 cm). Damit wird die Frage der Ernährung zu einem brisanten Thema, da ein Kippen in die Magersucht (Anorexie) und damit verbunden schwerwiegende gesundheitliche Schäden nicht auszuschließen sind. Bei der FIS ist man bemüht, die Gewichtsproblematik in den Griff zu bekommen. Wissenschaftliche Untersuchungen sollen im Laufe dieses Winters von Müller gemeinsam mit einem norwegischen Institut durchgeführt werden. Ein interessantes Detail ergibt sich in diesem Zusammenhang daraus, daß Frauen bei gleicher Größe geringeres Gewicht als Männer haben. Bei entsprechendem Training sollten sie zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für die Männerdomäne Schispringen werden.

Neue Schanzen vom Reißbrett

Mit dem Computersimulationsprogramm können nun auch Schanzenanlagen unter Einbeziehung aller relevanten Daten optimiert werden. Dies bedeutet nicht nur für den Neubau wesentliche Hilfe, sondern auch für die Verbesserung bestehender alter Anlagen. Vor allem im Bereich der Landefläche sind viele Schanzenanlagen derzeit keineswegs optimal ausgelegt, die Aufprallwucht steigt bei weiten Sprüngen innerhalb weniger Meter rapide an. Das stellt eine beträchtliche Gefahr für die Springer dar und erschwert die Durchführung der Wettkämpfe.

300 m weit?

"Utopisch anmutende Flugweiten von 250 oder gar 300 m sind aus aerodynamischer Sicht durchaus vorstellbar, da die Luftkräfte nach Flugzeiten über 7 Sekunden nicht mehr nennenswert ansteigen", sagt Müller. Dennoch rät er davon ab, voreilig an den Bau solcher Anlagen zu denken, da jede weitere Erhöhung des Sicherheitsrisikos für die Springer bedenklich ist und zudem der finanzielle Aufwand enorm hoch wäre. Auch die Präparation von ca. 45 Grad steilen Landepisten würde neue Probleme aufwerfen.

Da die vorliegenden Arbeiten der Grazer Wissenschaftler Modellcharakter für die Behandlung von Sicherheitsfragen in vielen gefährlichen Sportarten haben, wurden sie nicht nur in Fachzeitschriften wie dem "Journal of Biomechanics", sondern auch im "Nature" veröffentlicht.

Fortschritte der Forschung im Bereich der Bewegungswissenschaften werden auch zu besseren prophylaktischen, diagnostischen und therapeutischen Methoden bei Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates führen, die heute zu den kostenintensivsten Bereichen unseres Gesundheitssystems zählen.

Helmut Gekle
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