Versuchte Flucht aus verfluchter Sucht


Gedanken eines Nichtrauchers zum Rauchverbot an der Universität



Seit Jahresbeginn gilt auch an der Universität die nach der Straßenverkehrsordnung meistübertretene Regel - das Rauchverbot in Ämtern und öffentlichen Gebäuden. Trotzdem sieht man überall die Köpfe rauchen, und das liegt keineswegs nur an den illustren Gedanken. Verschwunden sind eigentlich nur die Aschenbecher, nicht aber das schwierige Nebeneinander zweier völlig unterschiedlicher Menschengattungen.

Hanswilhelm Haefs schreibt im Handbuch des nutzlosen Wissens: König Ahmed Zogu I. von Albanien rauchte 240 Zigaretten am Tag. Über den weiteren Werdegang des Königs, insbesondere den gesundheitlichen, ist nichts vermerkt. Überhaupt wissen wir sehr wenig über die Folgen des Rauchens. Jede Zigarette verkürze das Leben um fünf Minuten, verkündeten einst meine Großeltern mit mahnender Miene, aber ist das wissenschaftlich belegt? Kann Rauchen nachhaltig zur Finanzierung des Pensionssystems beitragen? Wenn dem so wäre, hätte es der Sozialminister längst auf jeder Packung vermerkt. Er will schließlich dem Gesundheitsminister in nichts nachstehen.

Der Gesundheitsminister wiederum läßt, seit er eine Frau ist und nicht mehr Michael Ausserwinkler heißt, in unregelmäßigen Abständen Studien veröffentlichen, wonach das passive Rauchen noch viel schädlicher sei als das aktive. Eine Behauptung, die erst recht interpretationsbedürftig ist, denn erstens ist ja der Marlboro-Mann trotzdem an Lungenkrebs gestorben, und zweitens ist jeder aktive Raucher gleichzeitig auch ein passiver, sofern er nicht eine Sauerstoffmaske trägt. In Summe müßte daher das aktive Rauchen immer noch schädlicher sein, weil es ja ein aktives und passives Rauchen ist.

"Passiv" trifft die Lage des unfreiwillig Betroffenen übrigens recht gut: Er läßt geschehen, er erduldet, er nimmt hin - und wird zu schlechter Letzt ein Leidender, ein Patient. Das zivilisatorisch-demokratische Prinzip, daß nämlich die Freiheit des einen immer nur so weit reiche wie die Freiheit des anderen nicht berührt werde, löst sich mit dem Klicken des Feuerzeuges gleichsam in Glimmstengel und Rauch auf. Mir jedenfalls wäre im Zweifelsfall lieber, es bläst mir der kalte Wind ins Gesicht als der warme Qualm. Aber man kann eben selten wählen.

Sind Raucher krank?
Daß man selten wählen kann, liegt an der zwanghaften Natur des Rauchens. Kaum einer greift aus Bosheit zur Zigarette, die meisten haben in Wahrheit selbst keine andere Wahl. Rauchen gilt als Sucht, und Süchtige sind nicht böse, sondern krank, lehrt uns die Wissenschaft. Insofern sind Raucher keine schlechteren Menschen als jene, die dauernd Schokolade oder Knoblauchpillen essen. Nur, daß der Schokoladeesser bei seinem Tischnachbarn eben keine Karies verursacht. Der Raucher hat sich eine asoziale Sucht ausgesucht, eine, deren Wirkungen über seinen eigenen Freiheitsraum hinausgreifen. Deshalb geht Rauchen niemals nur den Raucher an, sondern immer auch seine Umgebung. So wie ein Staat, der ein Atomkraftwerk betreibt, sich die wütenden Kommentare seiner Nachbarstaaten anhören muß.

Ausweg Elektrozigarette
Freilich, das sei der Wahrheit halber hinzugefügt, ist die gesundheitsschädigende Immission kein Privileg des Rauchers. Jeder Autofahrer und jeder Ölofen-Besitzer verbreitet Gestank, ohne vorher die betroffenen Anrainer zu fragen - von der Industrie ganz zu schweigen. Die Problemlage ist höchstens insofern verschieden, als am Elektroauto bereits gearbeitet wird, wohingegen sich die Elektrozigarette noch im tiefsten Versuchsstadium befindet. Mit ihrer Markteinführung ist ungefähr knapp nach dem Solarhubschrauber und vor dem Aufkommen der windbetriebenen Brotschneidemaschine zu rechnen.

Jede Schachtel ein Sparpaket
Was den Nichtraucher am Raucher stört, ist außerdem nicht nur der Gestank. Rauchen geht in aller Regel mit einer spezifischen, arroganten Rücksichtslosigkeit einher - womit wir endgültig beim Thema "Rauchverbot in Ämtern und öffentlichen Gebäuden" angelangt sind. Natürlich war das ein völlig untaugliches Mittel, bürokratisch versuchte Flucht aus verfluchter Sucht. Trotzdem: Weniger das Faktum, daß sich niemand daran hält, als vielmehr die Selbstverständlichkeit des Nicht-einmal-Ignorierens ist so bezeichnend für den Casablanca-Typ. Es ist einfach gedanken- und rücksichtslos, an einem Ort zu rauchen, den man selbst vielleicht nur kurz frequentiert, während sich ein anderer den ganzen Tag dort aufhält.


Weg sind die Aschenbecher, nicht aber die Raucher.


Wer Raucher aber für umsichtig und zuvorkommend hält, dem sei ein einfaches Experiment auf Universitätsboden an die Lunge gelegt: Vor dem Eingang der Universitäts-Kinderklinik im Grazer Landeskrankenhaus prangt seit Jahr und Tag ein eindringliches Schild des Klinikvorstands, man möge bitte keine Zigarettenstummel zu Boden werfen, da Kleinkinder sie in den Mund stecken und sich vergiften könnten. Das Ergebnis: dutzende Zigarettenstummel zu jeder Tages- und Nachtzeit. Sie stammen vielleicht von jenen, die sich gar so sehr über die Hundstrümmerln auf dem Gehsteig beschweren ...

Bleibt noch der nicht unwesentliche finanzielle Aspekt. Raucher zählen neben Lottospielern und Alkoholikern zu den letzten großen Aktivposten unseres Staatsbudgets, weshalb sich auch der Finanzminister auf den Zigarettenschachteln verewigen sollte. Etwa mit dem sinnigen Slogan: "Dieses Päckchen ist Ihr persönliches Sparpaket. Bitte halten Sie uns weiter die Stange. Der Finanzminister sagt Danke!"

Einen großen Wermutstropfen bilden allerdings die Behandlungskosten für Lungenkrebs und Raucherbein, sodaß sich auch auf diesem Gebiet die Vorteile des Rauchens für das Gemeinwesen in engen Grenzen halten. Außerdem gibt es da noch jene Staatsbürger, die extra nach Spielfeld fahren, um neben dem Tabakgenuß auch das große Abenteuer der Duty-Freiheit auszukosten. Sie erbringen allwöch-entlich den schlagenden Beweis für die erstaunliche Tatsache, daß unsere ach so ökologiebewußten Politiker auch Transitfahrten reinsten Wassers mit klingender Münze belohnen. Aber ist das nicht schon wieder eine ganz andere Geschichte?

Ernst Sittinger


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