Aus dem Kybernetes der Antike wird der Cybernaut von heute.
Genau das hat der Grazer Literat Walter Grond mit seinem 1992 ins Leben gerufenen Projekt ABSOLUT HOMER. gemacht: Zweiundzwanzig Schriftstellerinnen und Schriftstelller aus dem In- und Ausland wurden von ihm eingeladen, gemeinsam eine neue Odyssee zu schreiben. Eine Odyssee deshalb, weil Homers Klassiker am Anfang der Autoren-Literatur steht. Nichts markiert ihr - mutmaßliches - Ende deshalb deutlicher als eine Art Neuauflage dieses Werks; diesmal aber im Kollektiv produziert.
Jeder Teilnehmer steuerte zu dem Großunternehmen dementsprechend nur ein Fragment bei, das mit den anderen durch Querverweise verknüpft wurde. In der unlängst erschienenen Buchform von ABSOLUT HOMER. kann aus diesem Grund der Leser durch sein Verfolgen oder Übergehen von Verweisen die Struktur des Werks mitbestimmen. Ja, er wird zum "Mitautor", während gleichzeitig der eigentliche Verfasser zu verschwinden beginnt, oder besser: zum Autor (durchgestrichen) wird.
Doch ein Autor (durchgestrichen) ist eben noch immer in gewisser Weise ein klassisch-autonomer Textproduzent; selbst wenn er kollektivistisch agiert. Wer die Tradition der Autorschaft wirklich unterlaufen will, muß deshalb einen Schritt weiter gehen und die Spuren der Verfasser noch stärker verwischen. Etwa so, wie das unlängst in "taxis" geschehen ist.
Hinter diesem Namen (taxis = griech. "Ortsbewegungen frei beweglicher Lebewesen") verbirgt sich ein gemeinsames Medienprojekt von Forum Stadtpark und "GEWI-Lab", dem EDV-Ausbildungszentrum der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Karl-Franzens-Universität, das entscheidend daran beteiligt war. Konzipiert und realisiert wurde es am 12. Oktober im Rahmen einer ORF-Kunstradio-Sendung auf Ö1 u. a. von Gerfried Stocker (Ars Electronica/Forum), Martin Schitter (GEWI-Lab/Forum) und Rupert Huber (freier Radiokünstler). Herzstück waren dabei Textfragmente aus ABSOLUT HOMER., die die Gruppe um Stocker und Schitter in das World Wide Web eingespeist hatte.
Das Projekt
Um diese WWW-Pages drehte sich am 12. Oktober alles. Während der Kunstradio-Sendung wurden die Zuhörer dazu eingeladen, sich die Seiten im Internet anzusehen. Wann immer das in der Folge passierte, wurde im "GEWI-Lab" eine Sprachaufzeichnung der Texte gestartet. Sie bildete die erste Komponente eines komplexen Zusammenspiels von Sprache und Klängen, die in der Kunstradio-Sendung zusammenflossen und diese erst erzeugten.
Die zweite Komponente kam von der Lesung der ABSOLUT HOMER. Texte auf der Frankfurter Buchmesse. Akustische Phänomene von dort wurden durch das Navigieren der Benutzer durch die HOMER-WWW-Seiten derart umgestaltet, daß sie in veränderter Form im ORF-Studio einlangten. Eine dritte Komponente schließlich kam aus dem Studio selbst: Dort fügte Rupert Huber weitere Hörteile hinzu - mit dem Effekt, daß sich alles in allem ein "akustisches Environment" ergab, in dem die Grenze zwischen einer sinnproduzierenden Sprache und deren Klang fließend wird.
Der autonome Textproduzent verschwindet in einem komplexen Sprachgesang, der mehr Musik als Literatur gleicht. Damit macht das Projekt aber auch deutlich, daß die Rede vom "Tod des Autors" in Wirklichkeit nur eine Metapher ist. Was "getötet" werden kann, ist bestenfalls eine bestimmte Diskursform, die die Last der Erzählung einem einzigen Individuum aufbürdet. Seinen Platz kann aber kein "Anti-Autor" einnehmen, sondern lediglich ein Autor (durchgestrichen), der dialogisch-kooperativ arbeitet - wie dies in den Naturwissenschaften beim Verfassen von Artikeln schon längst üblich ist.
"Akustische Landkarten"
Darüberhinaus hatte "taxis" natürlich noch eine ganze Reihe anderer Dimensionen: Durch die Übersetzung der virtuellen Internet-Bewegungen in Klänge entstanden beispielsweise "akustische Landkarten" (Stocker) derselben, die die gewaltigen tiefenstrukturellen Unterschiede zwischen den alten "realen" und neuen virtuellen Räumen phänomenologisch begreifbar machten. Besonders jenen Zuhörern des Kunstradios, die nicht nur Zaungäste blieben, sondern via Internet tatsächlich mitmachten: Nur ihnen hat sich laut Stocker die Struktur von "taxis" wirklich erschlossen; ganz abgesehen davon, daß sie ihre absolut private Odyssee erleben konnten. Denn die Links, mit denen die einzelnen Hypertext-Seiten verbunden waren, wurden in diesem Projekt automatisch generiert. Es war dementsprechend keineswegs klar, wohin sie führten. Manch User dürfte deshalb gleich einem Odysseus durch die Seiten von ABSOLUT HOMER. gefahren sein.
Oder gesurft, wie man mittlerweile sagt.