Dalli, dalli?


Schneller gedacht muß nicht besser gedacht sein


"Sie können keine Hütte bauen, finden keine eßbaren Wurzeln und haben keine Ahnung, wie man das Wetter vorhersagt. Mit anderen Worten, Sie schneiden miserabel bei unserem IQ-Test ab."


Am Institut für Psychologie der Universität Graz werden zur Zeit hilfreiche Methoden zur Intelligenz-Auslotung erarbeitet.

Eines der herausragendsten Merkmale jedes Durchschnittsexemplars unserer Spezies ist die unglaublich flinke Schubladisierung artverwandter Lebewesen. In Sekundenschnelle etwa glauben wir zu erkennen, ob unser Gegenüber den intelligenten oder eher den - na ja, nicht ganz so "fixen" Zeitgenossen zuzuordnen ist. Da aber auch das beständige Irren ein wesentliches Charakteristikum unserer sonderbaren Art ist, ersinnen die Klügeren unter uns seit jeher Verfahren, die ungezügelte Willkür unserer Eindrücke in halbwegs objektive Bahnen umzuleiten.

So beschäftigt sich Univ.-Doz. Dr. Aljoscha Neubauer (Institut für Psychologie) seit Jahren mit dem komplexen Phänomen der Intelligenz. Ausgehend vom sogenannten "mental speed"-Ansatz, wonach sensorische und motorische Prozesse mit Intelligenz in Beziehung gesetzt werden, konnte er nach unzähligen Versuchsreihen einmal mehr bestätigen, daß die Geschwindigkeit bei der Verarbeitung einfacher ("elementarer") Informationen eine zentrale Ursache individueller Intelligenzunterschiede ist. Anders formuliert: Je intelligenter jemand ist, desto schneller kann er einfache Aufgaben lösen.

Wer nun aber glaubt, daß die neuentdeckte "Lust auf Langsamkeit" als elitäres Gegengewicht zum geschwindigkeits-berauschten Zeitgeist auf den falschen, weil etwas dümmlichen Gaul gesetzt hat, der irrt glücklicherweise beträchtlich! "Denn", so Neubauer, "die Zeit, die jemand zum Lösen eines komplexen Problems benötigt, hat nichts mit seiner Intelligenz zu tun! Der Zusammenhang zwischen Geschwindigkeit und Intelligenz gilt ausschließlich für die elementaren kognitiven Aufgaben!" Trost für alle Langsamen: Ab einer gewissen Komplexität der Aufgabe, so der Intelligenz-Experte, könne dieser Zusammenhang wieder völlig verschwinden und sich unter Umständen sogar ins Gegenteil verkehren, da sich intelligentere Personen etwa mehr Zeit zur Bearbeitung des Problems nehmen und es dadurch auch besser lösen. Eine Erkenntnis, die so manchem psychisch labilen Zeitgenossen die Angst vor der unaufhaltsamen Verdrängung durch den scheinbar intelligenteren, weil schnelleren und perfekteren Informationsverarbeiter Computer etwas zügeln dürfte.

Kollaps durch Langsamkeit
Den Zusammenhang zwischen der Geschwindigkeit beim Bearbeiten einfacher Aufgaben und Intelligenz erklärt Neubauer folgendermaßen: "Die rasche Durchführung elementar-kognitiver Prozesse führt einerseits dazu, daß in der gleichen Zeiteinheit mehr Verarbeitungsschritte erfolgen können, andererseits reduziert sich die Wahrscheinlichkeit, daß man einzelne Dinge wieder vergißt." Da bei jeder Problemlösung verschiedene Prozesse gleichzeitig ablaufen - so müssen etwa Informationen extern aufgenommen werden, bestimmte Infos ins Kurzzeit- und andere ins Langzeitgedächtnis eingespeichert bzw. von dort abgerufen werden -, stehen sie auch in einer gewissen Konkurrenz zueinander. Je langsamer nun diese Teilprozesse ablaufen, desto leichter kann es zu einem Zusammenbrechen des gesamten Informationsverarbeitungsablaufs und damit zu einer fehlerhaften Lösung kommen. Aber wohlgemerkt: dies gilt nur für elementare, also ganz einfache Aufgaben!

Vom Saulus zum Paulus
Als sich Neubauer in den 80er Jahren mit dem "mental-speed"-Ansatz zu beschäftigen begann, stand er ihm - wie damals viele seiner Kollegen - als dezidierter Kritiker gegenüber. Er vermutete, daß der Zusammenhang zwischen den Reaktionszeiten in elementar-kognitiven Tests und psychometrischer Intelligenz (die mit Hilfe traditioneller Intelligenztests festgestellte Intelligenz) nichts anderes als ein Artefakt sei, das durch höhere kognitive Prozesse (wie stärkere Motivation oder höhere Aufmerksamkeit) bewirkt werde. D. h. er vermutete, daß intelligentere Personen in diesen Reaktionszeit-Versuchen etwa höher motiviert seien und deshalb auch schneller reagierten; wenn man nur alle Probanden auf die gleiche Motivationsebene bringen könnte, wenn alle gleich geübt wären etc., sollten diese Zusammenhänge eigentlich gänzlich verschwinden...

Einige Jahre und eine Vielzahl von Versuchsreihen später konnte er den ursprünglich kritisierten Ansatz nur noch bestätigen: Auch wenn man Fehlerquellen wie unterschiedliche Aufmerksamkeit, Motivation oder Übung ausschalten konnte, blieben die Zusammenhänge zwischen Reaktionszeiten und Intelligenz unverändert, bzw. kamen noch deutlicher heraus!

Es zeigte sich also immer deutlicher, daß die lange Zeit geschmähte Hypothese von der Existenz eines biologischen Substrats, das (z. B. als Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit) individuelle Unterschiede in der Intelligenz bewirkt, durchaus Gültigkeit besitzt. Dieser sogenannte "bottom-up"-Ansatz, der von individuellen Unterschieden in physiologischen Prozessen des Zentralnervensystems ausgeht und damit höhere kognitive Leistungen erklärt, hat heute seinen Gegenpart - den "top-down"-Ansatz, der höhere kognitive Prozesse wie Motivation etc. für den Zusammenhang zwischen Intelligenz und Reaktionszeiten verantwortlich macht - weitgehend verdrängt.

Versuche, eine physiologische Basis der Intelligenz nachzuweisen, werden heute meist interdisziplinär betrieben. So konnte in einer Kooperation zwischen Neubauer und Univ.-Prof. Dr. Gert Pfurtscheller vom Institut für Elektro- und Biomedizinische Technik der TU Graz mittels einer bildgebenden EEG-Technik die Aktivierung der gesamten Hirnrinde beim Bearbeiten elementarer Aufgaben gemessen werden. Beeindruckendes Ergebnis dieser Untersuchungen: Weniger Intelligente müssen für die gleiche geistige Leistung die Hirnrinde stärker aktivieren als Personen, bei denen in früheren Tests ein höherer IQ festgestellt wurde. Außerdem aktivieren sie auch die vorderen Areale des Cortex, die mit der gestellten Aufgabe eigentlich nichts zu tun haben; d. h. minder Intelligente aktivieren die gesamte Gehirnrinde relativ diffus. Bei intelligenteren Probanden zeigte sich in den frontalen Arealen dagegen sogar eine Abnahme der Aktivierung - sie aktivieren nur jene Bereiche, die für die Aufgabenbewältigung erforderlich sind. Die Experten bezeichnen dieses erstaunliche Phänomen als "neuronale Effizienz".

Kulturfairness
Obwohl die unterschiedliche Bedeutung von Zeit in den verschiedenen Kulturen in diesem Zusammenhang noch ein ungelöstes Problem ist, könnte der "mental-speed"-Ansatz eine immerhin "kulturfairere" Methode der Intelligenzmessung ermöglichen, als dies mit herkömmlichen Tests der Fall ist. So ergaben Tests mit Angehörigen unterschiedlicher ethnischer Gruppen in Holland, daß sich Einwanderer und Einheimische zwar hinsichtlich ihrer Ergebnisse bei konventionellen Intelligenztests unterschieden, nicht aber in der Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung bei der Lösung elementar-kognitiver Aufgaben!

Daß der Begriff der Intelligenz, dessen Definition und damit letztlich die gesamte Intelligenzmessung einen höchst problematischen Themenkomplex bilden, ist natürlich jedem halbwegs "intelligenten" Menschen bewußt. "Intelligenz" ist immer auch ein kulturspezifisches Konstrukt: was "intelligent" ist, hängt von der jeweiligen Gesellschaft, ihren Normen, Werten und Bedürfnissen ab. Auch wenn dies in vielen neueren Intelligenz-Konzeptionen mitbedacht wird, ist die präventive Benutzung von Anführungszeichen bei Verwendung des Begriffes "Intelligenz" auch weiterhin dringlich zu empfehlen.

Doris Griesser


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