Europas vergessene Ecke


Albanien an der Schwelle zur Moderne



Als erste ausländische Forschergruppe unternahm ein Team von Historikern und Volkskundlern der Uni Graz nach dem Zerfall der kommunistischen Herrschaft in Albanien eine Expedition in den Dukagjin, das Hochland im Norden des Landes. UNIZEIT berichtet über Ergebnisse und Eindrücke dieser aufregenden Reise.

Eine festliche Hochzeitsgesellschaft, vergnügt-feierliche Stim-mung, die Braut trägt - nach westlichem Vorbild - weiß, doch ihr Blick ist streng zu Boden gesenkt. "Was für den Mann die Ehre, ist für die Frau die Scham", heißt es im Kanun, dem Gewohnheitsrecht im nordalbanischen Hochland.

Im Dorf tagt eine ehrwürdige Versammlung der Stammesältesten. Die meisten tragen ihren Filz-Ksul, die traditionelle Kopfbedeckung. Etwas abseits die Jungen, lässig in der Jeans-Mode der Siebziger, mokieren sich über ihre Alten.

In der Küche brodelt das Abendessen über der offenen Feuerstelle, die Wand schmückt ein Poster von Popstar Madonna, darüber ein Jesusbild von Engeln umrahmt, im "Gästezimmer" der rauschende Fernseher, graues Flimmern den ganzen Tag.

Solche und viele ähnlich widersprüchliche Bilder sind nur flüchtige Impressionen von den brüchig gewordenen Traditionen und der Kultur einer Gesellschaft an der Schwelle zur Moderne. So kann man wohl auch den Haupteindruck der kleinen Forschergruppe um Univ.-Doz. Dr. Karl Kaser (Institut für Geschichte) und Univ.-Doz. Dr. Helmut Eberhart (Institut für Volkskunde) zusammenfassen, den sie im Sommer 1993 auf ihrer abenteuerlichen Expedition im nordalbanischen Hochland gewonnen hat. Ziel der Reise war es, der Frage nachzugehen, ob die kommunistische Herrschaft dem traditionellen Stammesleben dieser unzugänglichen Bergregion, das sogar ein halbes Jahrhundert osmanische Herrschaft unversehrt überdauert hatte, ein Ende bereitet hat. Und: Wie hat sich das Land seit dem Umbruch im Jahre 1991 entwickelt?

Land der Skipetaren
Besucht wurden drei Stammesregionen im "Land der Skipetaren", Shala, Shoshi und Pulti. Nach eingehendem Studium Wissenschafts- und Reiseliteratur war man darauf gefaßt, einer Gesellschaft im Wandel zu begegnen, doch was man vorfand, war eine Gesellschaft vor der Zerreißprobe. Dieses Gefühl der Zerrissenheit zwischen alten und neuen Strukturen zieht sich auch wie ein roter Faden durch alle Beiträge der neulich erschienenen Publikation "Albanien - Stammesleben zwischen Tradition und Moderne" (Hrsg. Helmut Eberhart/Karl Kaser, 1995, Böhlau).

Im Dukagjin spielen Frauen und Mädchen noch immer eine Nebenrolle.

Die Stammesältesten wünschen die alten Strukturen zurück.

Die Stammesgesellschaft des Dukagjin ist heute gespalten. Dieser Zwiespalt trennt nicht nur Alt und Jung, selbst innerhalb einer Generation findet ein zweifacher Bruch statt. Vor allem jene Generation, die heute um die 50 ist, steht vor dem Dilemma, wohin sie sich wenden soll. Die traditionelle Stammesstruktur und der ľKanunč, das Gewohnheitsrecht, das seit Jahrhunderten mündlich überliefert wird und den Menschen im Hochland einen strengen Verhaltenskodex auferlegt, bieten heute keine rechte Leitlinie mehr.

Aber auch den Kommunisten ist es trotz umfassender Alphabetisierung und medizinischer Versorgung der Bevölkerung, trotz flächendeckender Elektrifizierung und Herbeiführung eines bestimmten Wertewandels nicht gelungen, zukunftsweisende Perspektiven zu bieten.Heute steht man erneut vor der Entscheidung, welchen Weg man einschlagen soll. Obwohl viele der älteren Generation sich die früheren, vorkommunistischen Strukturen zurückwünschen, hat "die Rückkehr zu den traditionellen Formen heute dennoch nur einen relativen Stellenwert", erklärt Kaser. "Die einzige Chance zu überleben, ist die Moderne." Das Hauptproblem sieht der Historiker in der kritiklosen Übernahme westlicher Vorstellungen und Haltungen. Aber kann man sich den Weg in die Moderne noch aussuchen?

Der Weg in die Moderne
Auch der Volkskundler Eberhart ist da skeptisch. "Was die Türken in 500, die Kommunisten in 50 Jahren nicht geschafft haben, wird der Kapitalismus in 5 Jahren schaffen", faßt er den schnellen Wandel im albanischen Hochland zusammen. Das schwarze und weiße Gold der Dukagjin-Bewohner - die Schaf- und Ziegenherden - bilden schon längst nicht mehr die einzige Lebensgrundlage. Fast in jeder Familie findet sich bereits jemand, der in die Ebene, die Stadt oder gar ins Ausland zieht, um Arbeit zu finden. Für die Region sieht Eberhart zwei Möglichkeiten: entweder schafft man es, eine Infrastruktur aufzubauen, das entlegene Hochland zugänglich zu machen, auf (sanften) Tourismus zu setzen und somit die Landflucht und Arbeitsmigration zu reduzieren, oder es werden früher oder später nur mehr die Alten übrig bleiben.

Das Buch der Grazer Wissenschaftler ist nicht nur ein Bericht über eine unbekannte und unendlich arme Region Nordalbaniens. Vielmehr erzählt es von Geschichte und Landschaft, von Ehre und Gewohnheitsrecht, von Freund, Feind und Blutrache, vom patriarchalischen Familienleben und erwachten Selbstbewußtsein der Frauen, von Sagen und Märchen, von Ahnenkult und Religion. Und nicht zuletzt wirft es auch einen beobachtenden und kritischen Blick auf die Beobachter selbst zurück.
Was liegt also näher, als sich lesend auf die Reise zu begeben, um diese vergessene Ecke Europas zu entdecken?

Diana Afrashteh


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