Die Außenwelt der Innenwelt

Der Grazer Beitrag zur Integrativen Maltherapie

Für eine größere Darstellung
klicken Sie auf die Bilder.
 
Bilder: Steinbauer
Wutmännchen
Panik, Angst und Ohnmacht zeigt das Bild
einer Patientin, die nach einem Suizidversuch 
stationär behandelt wurde.
.
Manische Depression: "Du trauriger Clown".
"Eine Brücke zu Patienten mit psychischen Störungen", liest man im Untertitel der jüngst erschienenen Dokumentation über das Konzept der "Integrativen Maltherapie", das an der Universitätsklinik für Psychiatrie entwickelt wurde. Eine simple Formulierung, hinter der sich ein komplexes Konstrukt verbirgt.
Damit der Brückenschlag gelingt, neue Pfeiler im Fundament feste Verankerung finden und das Bauwerk künftigen Belastungen standhalten kann, haben Therapeuten und érzte ein aufwendiges Gerüst entwickelt, auf dem der psychisch erkrankte Mensch selbsttätig werden kann. Das Strichmännchen ähnelt einem kleinen Teufel, dem die Haare zu Berge stehen, Blitze fahren aus dem Gehirn und der Herzgegend, die überdies durch Leitungen mit den Ohren verbunden sind. Auch aus den Gehörgängen qualmt es. Das "Wutmännchen" veranschaulicht die innere Anspannung einer Patientin. Aufgrund eines chronischen Konfliktes am Arbeitsplatz litt sie unter psychosomatisch bedingten Herzschmerzen. Ein Mensch unter "Hochspannung"; unterdrückte Wut lädt den Körper auf, läßt das Herz flattern. 
Das "Wutmännchen" entstammt einer mehrere tausend Blatt starken Sammlung von Zeichnungen und Malereien, die hinsichtlich ihrer Formen, Farbgebung und Flächengestaltung inhomogener nicht sein könnten. Gemeinsam ist den Entwürfen, die in maltherapeutischen Gruppen an der Grazer Universitätsklinik entstanden, die Bedeutung der zu Papier gebrachten Symbole; im psychoanalytischen Kontext gelten sie als Sinnbilder, die unbewußten seelischen Inhalt zum Ausdruck bringen und  Zugang zu tieferen Bereichen und psychodynamischen Prozessen ermöglichen. 

Wegweiser zur Seele

Längst nicht mehr als Beschäftigungstherapie unter ihrem Wert geschlagen, bietet die Maltherapie psychisch erkrankten Menschen Mittel und Wege, um die der jeweiligen Störung zugrunde liegenden Ereignisse selbst aufzuspüren und möglicherweise vergessene, ins Unterbewußte abgestürzte Erlebnisse in Erinnerung zu rufen. In Zeichnungen werden psychische Inhalte konkretisiert, vergegenständlicht und distanziert. 


Therapeutisches Netzwerk

An diesen Qualitäten knüpften OA Univ.-Doz. Dr. Maria Steinbauer und Dr. Johann Taucher mit ihrem Therapiekonzept an. Die Ausgangssituation beschreibt die Psychiaterin zum einen geprägt von der ständigen Konfrontation mit einer Fülle von psychischen Störungen und seelischen Nöten. Zum anderen bewirkte die stetige Erfordernis neuer wissenschaftlicher Ergebnisse und der durch die Bürokratie ausgeübte Druck, daß Menschen unbemerkt zum ÊPatientenmaterialÀ wurden. "Auf der Suche nach einem Zugang zum Menschen in seiner Gesamtheit", beschreibt Steinbauer den psychotherapeutischen und psychiatrischen Ansatz ihres Modells, "galt unser Interesse nicht nur dem objektivierenden Blick von außen auf den Patienten. Erst wenn wir in die innere Welt des erkrankten Menschen eintreten, ist es möglich, diesen in seinem Erleben zu verstehen und Veränderungen gleichsam im Gleichschritt mit ihm herbeizuführen." 
Der Begriff "gesamtheitlich" sowie das Gegensatzpaar von "innen" und "außen" wurden demgemäß zu den Eckpfeilern des Grazer Therapiekonzeptes, das psychotherapeutische, medikamentöse und psychosoziale Strategien vereint. Zweimal wöchentlich finden mal- und gesprächspsychotherapeutische Gruppentherapien statt, zwei- bis dreimal Einzeltherapien sowie im Bedarfsfall Familien- und Paartherapien. Die Patienten sind in das allgemeine psychotherapeutische Angebot der Klinik eingebunden, das beispielsweise Lauf-, Entspannungs- und Ergotherapie beinhaltet. Wöchentliche Kontakte zu Sozialarbeitern sowie zu Mitarbeitern psychosozialer Zentren sollen die Wiedereingliederung der Patienten in ihr soziales Milieu erleichtern. 


Zentrale Malsitzungen

Im Zentrum des therapeutischen Konzepts ist die Malgruppe angesiedelt. Ohne auf ästhetische Kriterien Wert zu legen, verbindet sie methodische Ansätze des katathymen Bilderlebens, der gruppenanalytischen Psychotherapie und der Kunsttherapie. 
Nach einer Anwärmphase sowie einer hypnoiden Phase ist die hinsichtlich der Art der psychischen Störungen heterogene Gruppe vom Therapeuten eingeladen, mit einfachen Materialien wie Ölkreiden, Buntstiften und Wasserfarben den individuellen Gefühlszustand zu Papier zu bringen. In der abschließenden Besprechung werden die Bilder sowie auftauchenden Assoziationen diskutiert, die Werke erhalten Titel, - dies gilt auch für das Bild des Therapeuten. Neben dem durch die Gruppe entstandenen Druck hält Steinbauer das Mitzeichnen von érzten und Therapeuten für eine wichtige Motivation, sich auf Aufzeichnungen ihrer Befindlichkeit einzulassen. 
In den beiden wöchentlichen Malgruppensitzungen wird relevantes Material frei, das in den Einzeltherapien weiterverwendet werden kann; doch auch der in der Einzeltherapie neu erarbeitete Standpunkt wird von den Patienten unbewußt in die Malgruppe zurückgetragen, was wiederum eine Standort-, Bewußtseinsveränderung, einen neuen Zugang zur eigenen Persönlichkeit erlaubt. Es entsteht somit ein positiver Rückkoppelungsprozeß, in dem sich der Patient immer mehr den seiner Störung zugrundeliegenden Problemen nähert. 


Von Farben und Formen

In der Arbeit mit über 1000 stationären, psychiatrischen Patienten erhielten Dr. Steinbauer und Dr. Taucher für die Diagnose und somit für weitere therapeutische Vorgehen wertvolle Informationen. Sie entdeckten, daß sich die drei großen psychiatrischen Krankheitsgruppen - depressive, neurotische und schizophrene Störungen - auch in ihren bildnerischen Gestaltungen unterschiedlich ausdrücken. Während dunkle Farben, wenig Formelemente sowie schlechte Bildflächennutzung die Bilder von depressiven Patienten bestimmen, kennzeichnen ein breites Farbenspektrum, Formenreichtum und oft zur Gänze gefüllte Bildflächen die Arbeiten von neurotisch Erkrankten. Auffällige Unterschiede zeigen sich auch in den verschiedenen Therapiephasen. 
Die Integration der Gruppe in das übrige Therapieangebot bewertet Steinbauer als die eigentliche Besonderheit des Konzepts. In täglichen Teamsitzungen mit den érzten, Therapeuten der einzelnen Therapien sowie den betreuenden Schwestern wird der Standpunkt des Patienten ergänzt, revidiert, jedenfalls aktualisiert. 
Das solchermaßen aufwendige und arbeitsintensive Konzept wollen seine Autoren in der Nähe jener "ärztlichen Seelsorge" im Sinne Viktor Frankls ansiedeln, der einer verwissenschaftlichten Medizin eine Technik der Menschlichkeit entgegensetzen wollte; - womit der "Integrativen Maltherapie" wohl ein weiterer Brückenschlag konzediert werden darf. 
 

 
 

[<--INHALT--] [--WEITER-->]