Wer glaubt, unbeobachtet zu sein, irrt. Wann immer Besucher ihre Schritte in das Hauptgebäude der Grazer Uni lenken, sind Augenpaare auf sie gerichtet. Nicht nur, daß die steinernen Antlitze von Erzherzog Karl II und Franz I aus geschützten Nischen heraus jede Fluktuation registrieren, einige Meter über ihnen hat sich eine illustre Männerrunde versammelt, um dem Treiben vor den akademischen Hallen beizuwohnen. Mit Argusaugen. Sie bekrönen die späthistorische Neorenaissance-Fassade, stehen artig in Reih und Glied, Schlechtwetter ist ihnen ziemlich egal, ihre Mienen sind ernst, feierlich und würdevoll: Die acht überlebensgroßen, achsenbetonenden Attikafiguren.
Ruhmessüchtige Rektoren?
Man hat sie unzählige Male gesehen, flüchtig nur und freilich aus der Froschperspektive. Kaum jemand weiß Näheres über den Figurenschmuck, über Herkunft und Bedeutung dieser offensichtlich schwindelfreien Herrschaft aus Stein. Präsentieren sich hier ruhmessüchtige Rektoren stolz der Nachwelt, haben sich die Architekten Karl Köchlin und Wilhelm von Rezori samt Gefolgschaft verewigen lassen oder hat man dereinst gar studentische Musterbeispiele in Sachen Strebsamkeit (als Motivation für andere Studiosi?) in Stein gehauen? Nichts von alledem.
Bei den weißlich-grauen Skulpturen handelt es sich um die "universalsten Vertreter der an der Universität gelehrten Wissenschaften": Aristoteles, Hippokrates, Augustinus, Leonardo da Vinci, Hugo Grotius, Immanuel Kant, Gottfried Leibniz und Isaac Newton. Ob sich die Herren in luftiger Höhe etwas zu sagen haben? Ob sie gut miteinander auskommen oder bisweilen in Streitgespräche verfallen? Disputationes auf dem Dach? Fragen über Fragen.
Drei Künstler zeichnen für die Fertigung der, einem steilen Satteldach vorgelagerten, Standbilder verantwortlich: Aristoteles, Hippokrates, Augustinus und Leonardo stammen vom steirischen Künstler Hans Brandstetter, dessen Landsmann Rudolf Vital schuf Leibniz und Newton, Hammer und Meißel des Wiener Bildhauers Emanuel Pendl ließen schließlich Grotius und Kant Gestalt annehmen. Wobei stilistisch (zumindest beim Blick mit dem freien Auge) kaum Unterschiede feststellbar sind.
Gerahmt wird die Figurengruppe von den Ältesten der Runde, dem Wegbereiter der formalen Logik aus Thrakien und jenem, der als "Begründer der Medizin als Erfahrungswissenschaft" in die Lexika Einzug gehalten hat. Wobei "Linksaußen" Aristoteles mit gar strengem Blick nach unten sieht. Ärger über die in seinem Bereich besonders brüchig gewordene Balustrade? Oder hat der Stagirit gar Meinungsverschiedenheiten mit seinem unmittelbaren Stehnachbar, der da Augustinus heißt, um einiges wärmer bekleidet ist und voll Selbstvertrauen sein Hauptwerk "De Civitale Dei" präsentiert?
Kategorischer Imperativ
Die Kunst überwindet die Zeit, verbindet die Generationen. An den Kirchenvater aus Numidien, der in Gott die absolute Wahrheit sah, schließt einer an, der rund 1200 Jahre später im niederländischen Delft das Licht der Welt erblicken sollte: Huigh de Groot, besser bekannt als Hugo Grotius. Und dieser Pionier des neuzeitlichen Natur- und Völkerrechtes kann auf dem Dach der Grazer Uni nachholen, was ihm zeitlebens versagt geblieben war: Ein (Streit?)-Gespräch mit Gottfried Leibniz, dem Universalgelehrten aus Leipzig: "Mare liberum" und "Characteristica universalis".
Immer dann, wenn der Diskurs über die Existenz nackter Monaden aber zu intensiv wird, schalten sich die beiden nächsten in die Reihe, Newton und Kant, ein. Der Mathematiker, Physiker und Astronom aus Woolsthorpe möchte das Thema dann stets in Richtung Mechanik und Gravitationsgesetze lenken, doch der Sattlersohn aus Königsberg wehrt ab. Anschauungen und Begriffe sind blind, heißt es stereotyp. Kategorischer Imperativ zwischen Hauptgesims und Gratbekrönung.
Von solchen Vorkommnissen unbeeindruckt bleibt einer, der Mütze, Vollbart und langen Mantel trägt. Das Wort ist seine Sache nicht. Zwischen Kant und Hippokrates steht ein in Gedanken versunkener Leonardo da Vinci, der Maler, Bildhauer, Baumeister, Zeichner, Kunsttheoretiker, Naturforscher und Ingenieur. Die Aussicht über die Grazer Dächer scheint ihm zu gefallen oder schwelgt er vielmehr in Erinnerungen, träumt vom Mailänder Hof?
Schade, daß er nicht zu Leinwand und Pinsel greifen kann. Das Kant-Gemälde in sinnlichem Sfumato wäre eine Bereicherung für die Kunstgeschichte. Egal, die acht Attikafiguren aktivieren die Phantasie, verleiten zum schwärmerischen Nachdenken. Und sorgen bisweilen für Mißverständnisse.
Vor einiger Zeit hatte sich, wie Alois Kernbauer, der Leiter des Universitätsarchivs berichtet, eine Frau gemeldet, die in einer der Statuen ihren Großvater erkannt hatte. Es dauerte mehrere Telefonate bis die Frau von der Unrichtigkeit ihrer These überzeugt war. Der vermeidliche Opa war indes Aristoteles.