Meinong, Weinhandl & Co


Das Institut für Psychologie feiert 1994 seinen hundertsten Geburtstag


1994 ist für die Grazer Universitäts-Psychologen ein ganz besonderes Jahr. Schlug doch vor genau einem Jahrhundert mit der Gründung des "Psychologischen Laboratoriums" die Geburtsstunde des erst viel später so bezeichneten Institutes für Psychologie.

UNIZEIT nahm dieses runde Jubiläum zum Anlaß, ein paar neugierige Blicke auf das bewegte Vorleben des Institutes zu werfen.

Angefangen hat alles im WS 1886/87, als erstmals in Österreich an der Grazer Universität einige "Übungen im Anstellen und Interpretieren psychologischer Experimente" abgehalten wurden. Initiator und Vortragender war einer der bedeutendsten Grazer Wissenschaftler, der Philosoph Alexius Meinong. Er war es auch, der über alle finanziellen und räumlichen Hindernisse hinweg im Jahr 1894 die Einrichtung des "Psychologischen Laboratoriums der k.u.k. Universität Graz" durchsetzte.

Daß die Raumnot und der permanente Kampf um Subventionsmittel nicht ausschließlich ein Phänomen der Massenuniversitäten des 20. Jahrhunderts ist, legt Meinongs Klage an einen jungen Kollegen über die einengenden Verhältnisse bis zum Umzug in das damals neuerrichtete Hauptgebäude nahe: "Damals mußte ausschließlich mit Privatmitteln gearbeitet werden, in einem finsteren Hörsaale obendrein, der nichts weniger als zu meiner uneingeschränkten Verfügung gestellt war ..."

Trotz dieser institutionellen Schwierigkeiten der sich neu konstituierenden Disziplin wuchs das Interesse an der Psychologie ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem unter den Philosophen kontinuierlich. Eine Ursache dafür dürfte der Aufschwung der Naturwissenschaften einschließlich der Biologie und der Physiologie gewesen sein. So bemühte sich Meinong um den Aufbau einer psychologischen Theorie auf naturwissenschaftlichen Methoden wie Versuch und systematische Beobachtung. Entsprechend der naturwissenschaftlichen Ausrichtung der experimentalpsychologischen Übungen war das Interesse auch bei Mathematik- und Physikstudenten beachtlich. Die Geräte, mit welchen diese ersten psychologischen Experimente durchgeführt wurden, können übrigens ab 21. Oktober in der Aula besichtigt werden.

Worum es den Grazer Psychologen damals hauptsächlich ging, wird durch die Funktion der Exponate deutlich: Da findet man etwa einen Pulswellenaufzeichner zur Bestimmung der Reaktionsgröße bei akustischen Reizen aus dem Jahr 1862, einen Apparat zur Messung der Unterschiedsempfindlichkeit des Zeitsinns (um 1900), oder einen Handgeschicklichkeitsapparat.

Im Jahr 1900 übersiedelten die Psychologen vom neuen Hauptgebäude ins naturwissenschaftliche Institutsgebäude, wo sie 1992, nach langjähriger Dislozierung von Teilen des Institutes, im ausgebauten Dachgeschoß neue Räume mit dem gesamten Institut beziehen konnten.

Auch die heute so beklagte Personalnot hat Tradition: Für die zwei hochqualifizierten wissenschaftlichen Mitarbeiter Meinongs, Stefan Witasek und Vittorio Benussi, wurde von der "k.u.k. Statthalterei" gerade soviel Geld zur Verfügung gestellt, daß sie als "halbtägige Hilfskräfte" eingestellt werden konnten. Beide mußten zusätzlich als Beamte der Universitätsbibliothek ihren Lebensunterhalt sichern.

Grazer Gestaltpsychologie
Dennoch wurde die "Grazer Schule der Gestaltpsychologie" während der folgenden Jahre weltbekannt. Die darin vertretene "Produktionstheorie" basiert auf der Annahme, daß zu den Sinnesreizen aus der Umwelt auch innere, "produktive" Vorgänge hinzukommen, die uns erst die "Gestalt" unserer Wahrnehmungen bewußt machen. Die Stellung der Psychologie als selbständiges Teilgebiet der Philosophie und als empirisch arbeitende Wissenschaft festigte sich zusehends, was die junge Disziplin jedoch nicht vor Diskriminierung schützen konnte: So wird in einer Aufzeichnung von 1906 beklagt, daß nur die Psychologen keinen Hausschlüssel erhielten; später bekamen sie einen zum Seiteneingang, der aber nachts durch eine vom Gebäudeinspektor zusätzlich angebrachte Kette verschlossen wurde ...

Die weltweit bekannt gewordene Grazer Schule der experimentellen Gestalt-psychologie endet um 1920. Witasek stirbt 1915, Meinong 1920. Benussi verläßt Graz im Jahre 1918, nachdem für ihn als Italiener keine Chance bestand, eine Lehrkanzel zu erhalten.

Einen der wohl schmerzlichsten Tiefpunkte erreicht das "Labor" in den Jahren nach dem "Anschluß". Besonders Otto Tumlirz, Vorstand des Pädagogischen Seminars, war ein engagierter Vertreter der Rassenideologie des NS-Regimes - er wird 1944 Vorstand des neuerrichteten "Psychologischen Institutes". Nach 1945 herrscht ein fünfjähriges Interregnum. Erst 1950 übernimmt der geisteswissenschaftlich orientierte Ferdinand Weinhandl die Leitung des Institutes. Daß Tumlirz von 1952 - 1956 neuerlich Pflichtveranstaltungen abhält, ist wohl als besondere Art von "Vergangenheitsbewältigung" zu verstehen.

Psycho II
Nach Weinhandls Emeritierung 1965 verwaist das Institut und bekommt erst 1968 mit Erich Mittenecker wieder einen permanenten Vorstand. Die durch das bescheidene Lehrangebot während der führungslosen Jahre verursachte Abwanderung der Studenten läßt nun allmählich nach, und es beginnt eine Zeit umfassender Neuerungen, die sich z.T. durchaus auf alte Traditionen besinnen: So ist es dem neuen Vorstand ein besonderes Anliegen, naturwissenschaftliche Denk- und Forschungsprinzipien in der Psychologie umzusetzen - die methodisch - empirische Richtung bekommt wieder starke Impulse. Bezeichnenderweise wird das Institut nach Inkrafttreten des UOG 1975 der Naturwissenschaftlichen Fakultät zugerechnet.

1983 wird Erich Mittenecker als Institutsvorstand von Helmuth P. Huber abgelöst, der die Funktion bis 1989 ausübt. Auf ihn folgen Gerold Mikula (1989-1993) und Erich Raab (1993-1994). Ab 1. Oktober 1994 hat wieder Helmuth P. Huber das Amt des Institutsvorstandes inne.

Heute ist die Grazer Psychologie ein gefragtes (1.800 Studierende) empirisch orientiertes Institut, das alle wesentlichen Bereiche der psychologischen Lehre und Forschung abdeckt. Dennoch haben die Wissenschaftler immer noch mit zwei hartnäckigen Vorurteilen zu kämpfen: Das eine sieht in den Grazer Uni-Psychologen primär Statistiker, das andere pflegt das alte Mißverständnis, daß in Graz der Behaviorismus zu Hause sei.

"Beides trifft nicht zu", so Prof. Mikula. "Erstens steht die Statistik in keiner Weise im Vordergrund sondern dient bloß, wie dies im Fach Psychologie international üblich ist, als notwendiges Hilfsmittel; und der behaviorismus-Vorwurf basiert ebenfalls auf mangelnder Information: Ein empirisch und experimentell orientiertes Institut wie unseres ist nicht gleich automatisch ein behavioristisch orientiertes". Die Vorträge und Ausstellungen rund um das Jubiläum werden da wohl so manches Vorurteil entkräften.

Doris Griesser


Psychologie in Zahlen
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