Denn damit können nicht nur Gewebeproben konserviert werden, auch ganze Körper und Gewebeschnitte lassen sich so in Kunststoffgebilde verwandeln, die spektakuläre Einblicke in das menschliche Innenleben erlauben. Das österreichische Zentrum der Plastination befindet sich am Institut für Anatomie der KFUG.
Entwickelt wurde die Plastination von Günther von Hagens vor 16 Jahren. Der Heidelberger Arzt und Chemiker präsentierte 1978 seiner Kollegenschaft die neue Konservierungsmethode, bei der das Zellwasser biologischer Materialien durch Kunststoff ersetzt wird und so Gewebe halt- und begreifbar gemacht, ohne daß sie die Struktur verändert. Hagens rannte bei seiner Kollegenschaft offene Türen ein. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich eine eigene Zunft entwickelt, in die alle jene ihr Wissen einbrachten, die international an Konservierungstechniken gearbeitet haben.
Aus Graz war dies der Vorstand des Institutes für Anatomie, Univ.-Prof. Dr. Friedrich Anderhuber, der ebenfalls in den 70er Jahren an der Einbettung von Organen in Kunstharz arbeitete: "Unsere Zielsetzung war allerdings eine andere. Wir wollten einbetten und nicht konservieren." Anderhuber sandte seinen Mitarbeiter Dr. Andreas Weiglein nach Heidelberg, der mit dem Wissen aus erster Hand "das bestausgestattete Plastinationslabor nach Heidelberg" in Graz einrichtete.
Der Grundgedanke der Plastination ist ein einfacher: Wasser, "aus dem jedes biologische Material zu einem Großteil besteht", wird durch Kunststoff ersetzt. In der Umsetzung erfolgt dies in vier Schritten. Zuerst werden die Präparate konventionell "grundkonserviert". Im zweiten Schritt werden sie bei bis zu -82 Grad Celsius in einem Lösungsmittel dehydriert und entfettet. Das ausweichende Wasser wird durch Aceton ersetzt.
Forcierte Imprägnierung
In der folgenden forcierten Imprägnierung wird die Reaktionskunststofflösung unter Vakuum gesetzt. Mittels der durch das Aceton ermöglichten Siedepunkterniedrigung geht das Lösungsmittel bereits bei 56 Grad Celsius in den gasförmigen Zustand über und wird durch den viskösen Kunststoff ersetzt. Im vierten und letzten Schritt müssen die Präparate aushärten, was etwa bei einem Gehirn gleichviel Zeit in Anspruch nimmt wie die Plastination selbst, nämlich einen Monat.
Prinzipiell können, je nach Größe der zu präparierenden Gewebe, drei Kunstharze verwendet werden: Silikon, Epoxit und Polyester. Ersteres eignet sich besonders für ganze Organe, Körperteile und Körper, da es die natürliche Form und Farbe beläßt. Die beiden Hartkunststoffe werden aufgrund ihrer Durchsichtigkeit z.B. für Hirnschnitte verwendet. In bis zu 2,5 mm dünnen Platten wird den Medizinstudenten Ein- und Quersicht in das Zentralnervensystem vermittelt.
Wertvolle Ergänzung
Der Universitätsunterricht stellt laut Weiglein auch den Hauptanwendungsbereich von plastinierten Organen dar. "Die Studenten arbeiten lieber damit, weil es keine Geruchsbelästigung gibt." Außerdem sei die Plastination für die Grundlagenforschung sehr wichtig, da an den Schnitten histologische und immunzytochemische Untersuchungen vorgenommen werden können. Außerdem fungieren plastinierte Körperschnitte zB als wertvolle Ergänzung zur Computertomographie. Da steht man oft vor dem Problem, Aufnahmen interpretieren zu müssen. Im Vergleich mit den plastinierten Musterbeispielen kann man zeigen, wie "ein Gehirnschnitt tatsächlich aussieht."
Bei der "7. Internationalen Plastination Konferenz", die im August in Graz stattfand, verriet Anderhuber, "wir sind ja ehrgeizig", sein Ziel: "Bis Ende 1995 wollen wir einen ganzen Muskelmann präparieren." Das gelingt bis jetzt nur den Heidelbergern.