Natural wear


Chemie raus - Natur rein



Die Textilindustrie hat einen neuen Slogan - "Back to nature". Die Werbung kündet es von den Plakatwänden - "natural wear" ist in. Natürliche Materialien wie Baumwolle stehen hoch im Kurs. Doch wie "natürlich" ist das wirklich, was wir auf der Haut tragen?

So natürlich Baumwolle auch ist - ihre Verarbeitung in zahlreichen chemischen Prozessen ist bisher die perfekte Antithese. Chlorbleiche und Natronlaugenlösung machen aus dem samtigweichen Ballen des Baumwollstrauches wohl weiße, hautverträgliche, reißfeste und färbbare Textilien. Umweltverträglich ist die Herstellung des sogenannten "Naturprodukts" dann schon lange nicht mehr. Um die Umwelt zu schonen sowie Etikett und Realität stärker anzunähern, werden an den Universitäten Universität Graz und Maribor der Ersatz der chemischen Veredelungsschritte durch umweltverträgliche Verfahren untersucht.

Grundlagen schaffen
"Was wir hier machen, ist klassische Grundlagenforschung," erläutert Projektleiter Dozent Dr. Volker Ribitsch vom Institut für Physikalische Chemie der Universität Graz. "Bis jetzt wußte man nicht, wie man die Effizienz von umweltschonenden Veredelungsvorgängen wie Peroxyd- oder enzymatischer Bleiche messen sollte. Wir haben entdeckt, daß mit der Messung der Oberflächenladung der Faser die Effizienz der Bleiche und die Quellung der Faser festgestellt werden kann. Und dadurch werden die chemischen und die umweltfreundlichen Behandlungen vergleichbar."

Gemeinsam mit dem Institut für Textilchemie der Universität Maribor wurde in Versuchsreihen festgestellt, daß die Oberflächenladung die Verarbeitungsbedingungen ideal reflektiert, sodaß sie zur Entwicklung neuer umweltfreundlicher Veredelungsprozesse sowie zur Qualitätskontrolle eingesetzt werden kann.

Die Kenntnis dieser Tatsache ist nicht nur den Grazern bekannt. Doch bisher lag das Problem auf einer anderen Ebene - es gab weder eine Methode noch ein Gerät, mit dem schnell, zuverläßlich und in großer Quantität die Oberflächenladung von Fasern gemessen werden konnte. Ribitsch und sein Team haben dazu ein neues Gerät entwickelt. Besonderer Wert wurde dabei darauf gelegt, daß nicht nur Faserpartikel, sondern ganze Faserbüschel textiler Gewebe - also produktionstechnisch relevanter Produkte - quantifiziert werden konnten. Wieder in Zusammenarbeit mit Maribor wurde das Elektro-Kinetische-Meßsystem (EKA) zur Anwendung im Textilbereich weiterentwickelt. Damit haben Ribitsch und sein Team eine Methode zur Optimierung von umweltfreundlichen technologischen Prozessen entwickelt, die auch bei industriellen Textilproduzenten auf großes Interesse gestoßen ist. Die Fabrikanten sitzen allerdings außerhalb Österreichs Grenzen, da es innerhalb nur einen Stoffhersteller gibt.

Sehr wohl in Österreich ansässig ist dagegen der Hersteller von High-Tech-Geräten, der das EKA zur Serienreife gebracht hat und innerhalb von zwei Jahren weltweit vertreibt, die Anton Paar KG aus Graz. Das Gerät ermöglicht nicht nur die Untersuchung von textilen Geweben, sondern auch jene von allen nicht-metallischen Oberflächen, was besonders in der Polymerindustrie von Bedeutung ist. So z.B. für die Lackierbarkeit von Autostoßstangen, der Verträglichkeit künstlicher Gefäße und der Funktionsfähigkeit von Filtern für die Lebensmitteltechnologie.

Mit diesem neuen Werkzeug kann nun am Textilsektor die Optimierung von neuen umweltfreundlichen Prozessen durchgeführt werden. In der ersten Phase der Veredelung können so Dauer, Temperatur und pH Bereich des Einsatzes von Enzymen zur Entfernung von störenden Begleitstoffen ermittelt werden.

Für die folgende umweltfreundliche Bleiche mit H2O2 muß die Stabilisierung und die Kinetik des Vorganges laufend beobachtet werden. An dieser Optimierung wird laufend gearbeitet, sodaß der Konsument sich darauf freuen kann, in Zukunft mit "natural wear" wirklich nur mehr Natur pur auf der Haut zu tragen.

Gabriele Promitzer


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