Die fremde Sprache Kunst


Moderne Kunst als Kommunikationsmittel im Dialog von Mensch und Gott


Wahrnehmung und Vorstellungskraft, Wort, Bild und Ton sind wichtige Zugänge zur Welt. Hinter dem Wahrgenommenen tut sich Verborgenes auf, das Sinn, Bedeutung und Zusammenhang stiftet.

Dem Gläubigen eröffnet sich so ein Feld, das ihn über das bloß Vordergründige hinausführen kann - "Über die schaubare Wirklichkeit hin zur unsichtbaren Wirklichkeit", bemerkt Univ.-Prof. Dr. Philipp Harnoncourt, Gründer und Vorstand des Instituts für Liturgiewissenschaft, christliche Kunst und Hymnologie.

"Es gibt nur wenige Universitätsinstitute an Theologischen Fakultäten, an denen der Gegenstand Liturgie, d.h. Gottesdienst, in seinem ganzen Umfang als lebendiges Ereignis des Glaubensvollzugs, also in seinem rituellen Vollzug mit Sprechhandlungen und körpersprachlichen Ausdrucksformen, mit Musik und Gesang, mit seinem Raum und seiner künstlerischen Gestalt, in die Forschung einbezogen ist." Betrachtung und Analyse zeitgenössischer Kunst gehören zum Forschungsschwerpunkt des Liturgiewissenschaftlers und Hymnologen.

Kunst und Tradition
Harnoncourt sieht in der Kunst eine besondere Weise des persönlichen und schöpferischen Ausdrucks, die von anderen wahrgenommen und erfaßt wird, also eine der Sprache vergleichbare Form der Kommunikation.

Das Ergebnis des schöpferischen Prozesses - das Kunstwerk - bleibt, wenn es materialisiert ist, in der folgenden Zeit bestehen, oder es geht sofort wieder unter, wie etwa Sprache, Gesang, Musik, die keiner Materie bedürfen, aber mehr oder weniger deutliche Spuren im Gedächtnis hinterlassen.

Jedes Kunstwerk bringt etwas zur Sprache, und wer seine Gegenwart in umfassender Weise erfahren will, darf nicht nur mit der Ratio einen Zugang zum Kunstwerk suchen. Schwieriger wird es, betrachtet man nur die gegenwärtigen Kunstströmungen.

Kodierungen verhindern eine schnelle Rezeption moderner und postmoderner Kunstwerke. Das 20. Jahrhundert hat keine Zeitstile mehr, Personalstile haben diese abgelöst. In den IchŒAussagen der Künstler verbergen sich oft komplizert verschlüsselt Botschaften an die Gesellschaft, Diagnosen zur Situation der Zeit etc.

"Wer sich mit zeitgenössischer Kunst ernsthaft befaßt muß bereit sein, fremde Sprachen lesen zu lernen," folgert Harnoncourt. Er weist darauf hin, daß Papst Johannes Paul II. ausdrücklich die österreichischen Bischöfe aufgefordert hat, sich eingehend mit der Kultur der Gegenwart zu befassen und mit den repräsentativen Vertretern in Dialog zu treten. Kirche und Kunst treffen sich so und sollen sich um die "Verchristlichung der Kultur bemühen in Verantwortung gegenüber einer bald zweitausendjährigen Tradition in Europa".

Kirchenbau
Die seit dem II. Vatikanischen Konzil (1962-65) beschlossene Erneuerung der Liturgie hat auch neue Aufgaben im Bereich Kirchenbau mit sich gebracht. Gleich in den ersten Jahren nach dem Konzil sind in nahezu jeder Kirche ein "Volksaltar", ein Ambo und eine Session aufgestellt worden, um die "neue Liturgie" feiern zu können. Manchmal wurden diese Einrichtungsstücke einfach zur vorhandenen Ausstattung hinzugefügt, da und dort wurden Kirchen auch radikal ausgeräumt, um Platz zu schaffen oder um funktionslos gewordene Stücke zu entfernen.

Kirchenplaner und Kirchenbenützer entwerfen seither gemeinsam das neue Gotteshaus. Funktionalität und Zeichenhaftigkeit finden dadurch zusammen. Die klar umschriebene Aufgabe des Neuen muß in einem Funktionsprogramm, das auch der Bau widerspiegelt, genau erkennbar sein.

"Sinne und Herz sollen im liturgischen Geschehen auch erfassen können, daß hier, dem Geheimnis der Inkarnation entsprechend, Gott selbst zu uns kommt und uns zu sich erhebt," beschreibt Harnoncourt die Intention, die sich in der Kirchenarchitektur widerspiegeln soll. "Nur begnadete Kunst kann sich so zur Sprache des Glaubens verdichten." (Vgl. Funktion und Zeichen. Kirchenbau in der Steiermark seit dem II.Vatikanum. Hrsg.: Wolfgang Bergthaler, Philipp Harnoncourt, Heimo Kaindl, Willibald Rodler. Graz, Budapest: A. Schnider Verlags-Atelier 1992.)

Die Emmaus-Kapelle
Als Beispiel moderner Erneuerung und Gestaltung führt Harnoncourt, der auch Leiter der Liturgiekommission der Diözese Graz-Seckau ist, die Emmaus-Kapelle von Wernersdorf an. Kunst stiftet hier Identität und ist zugleich Herausforderung.

Das Gebäude, das eine mehrseitige Pyramide darstellt, wurde wie der ganze Platz vom Architektenehepaar Spielhofer geplant, die liturgische und künstlerische Gestaltung übernahmen das Ehepaar Gerald und Christiane Brettschuh. Was lebhafte Diskussionen bei Besuchern und Ortsbewohnern hervorrief, waren Brettschuhs Heilige, die er in seiner eigenen stilisierenden Maltechnik auf die Wände des Kapellen - Runds brachte. Zu ihnen gesellten sich vom Künstler selbst eingefügte, also nicht beauftragte Figuren, wie der "Mensch von Sarajewo" und die Eva. Letztere wird immer wieder als besonders provozierend empfunden.



"Provozieren, herausrufen ist etwas überaus Wichtiges, denn wir leben in einer Zeit, die eilig geht, in der wir nur noch flüchtige Erlebnisse kennen. Hier ist das Herbeirufen der Menschen, das Herausfordern, zum Schauen einladen voll gelungen. Wir können eindeutig feststellen, daß aus Bereichen, die uns unkirchlich und areligiös erscheinen, oft ganz besondere Zeugnisse des Glaubens oder auch nur der Glaubenssuche kommen."

Die Kirche als Kunstförderer hat die Aufgabe, so der Liturgiewissenschaftler, zu zeigen, wie wichtig zeitgenössische Kunst ist, ob sie nun gefällt oder nicht. Nicht zuletzt deshalb, weil sie ein Spiegel ist, wie Menschen die Welt wahrnehmen, wie Menschen sich selbst wahrnehmen. Wenn Künstler für Kirchen und Altargestaltung eingesetzt werden, dient ihr Werk dem Dialog zwischen Mensch und Gott, resümiert Harnoncourt.

Diethard Suntinger


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