Vom Wanderzelt zum Multiplex


Von den Anfängen der Grazer Kinos bis heute



1895 gilt als das Geburtsjahr des Films. Zum 100jährigen Jubiläum sprach UNIZEIT mit Mag. Franz Suppan, der sich am Institut für Volkskunde mit der Grazer Kinokultur seit ihren Anfängen befaßt.

Die Geburtsstunde des Films wird auf das Jahr 1895 zurückgeführt, als die Filmpioniere Auguste und Louis Lumiere in Paris ihre Filme erstmals einem zahlenden Publikum zeigten. In Österreich fand die erste öffentliche Vorführung im März 1896 in Wien statt. Bereits am 20. September desselben Jahres begeisterten die Filme der Brüder Lumiere auch das Grazer Publikum im Redoutensaal des Schauspielhauses.

Der Wegbereiter des Kinos in der Steiermark war der aus Ostpreußen stammende Mechaniker Oskar Gierke. 1897 erwarb er einen Lumiere-Kinematographen und zog mit einem Zelt mit über 400 Plätzen durch die Monarchie. Neben regulären Veranstaltungen zählten Sondervorstellungen für Soldaten und "Pariser Abende von 9 bis 10 Uhr abends" zu den Attraktionen. 1905 kaufte er die Liegenschaft Jakominigasse 104 und gründete das erste feste Kino in Graz.

Während die Zeit zwischen 1900 und 1908 durch die Vorherrschaft der Wanderkinos gekennzeichnet war, kam es bereits ab 1906 zu einer rasanten Vermehrung der ortsfesten Kinos: 1906 wurde das spätere Cinema gegründet, 1909 folgten das Maxim's Bio und das Annenhof-Kino, 1910 das Edison-Theater (später Union-Kino). In den 20ern kam es zu Neugründungen in den Vororten. Ende der 20er Jahre gab es in Graz bereits 15 öffentliche und 3 Vereinskinos.

"Moralische Massenverseuchung"
Schon von Beginn an entwickelte sich das Kino zu der Vergnügungsstätte des "kleinen Mannes" schlechthin und bot eine günstige Möglichkeit, den Sorgen des Alltags zu entfliehen. In den 20er Jahren kostete eine Kinokarte zwischen 30 und 80 Groschen, 1 kg Mehl 64g (1929) und 1 kg Zucker 90g.

Das Kino bot aber nicht nur Unterhaltung für das Volk, sondern auch ausreichend Stoff für Debatten unter Intelektuellen. Viele warnten vor dem Kino als "Zerstörer der Moral", unter anderen auch der Grazer Gelehrte Johannes Ude in seiner Schrift "Moralische Massenverseuchung durch Theater und Kino".

Ein weiterer Kritiker war Peter Rosegger. Für Naturdarstellungen und im Bereich der Wissenschaft sah er das neue Medium zwar als geeignet, doch als "Darsteller des unmittelbaren und ganzen Lebens, als Offenbarer von Seelengewalten und Geisteswerten" war ihm der Film offensichtlich zu realistisch: "Das ist ein Flattern und Hasten, Laufen, Zucken, Jagen, Haspeln und Purzeln - das treueste Bild der krankhaften Nervosität unserer Zeit."

Beruf: Filmerklärer
Waren die ersten Filme ohne Ton aufgenommen, so erlebte sie das Publikum doch nie wirklich als Stummfilme. Von Anfang an sorgten Musikkapellen und Geräuschmaschinen für die notwendige Klanguntermalung. Mit der immer komplexer werdenden Handlung des Films war bald ein neuer Berufsstand gefragt: der Filmerklärer. Dieser kommentierte die Handlung, las Zwischen- und Untertitel vor, faßte zwischendurch die Geschichte zusammen und warnte auch gegen Ende des Films vor dem Erhellen des Saales.

Das Aufkommen des Tonfilms verdrängte die Filmmusiker und -erklärer nach und nach. 1929 wurde mit "G'schichten aus der grünen Steiermark" der erste Tonfilm in Graz im Ring-Kino uraufgeführt. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Nicht einmal die Kinobetreiber selbst waren alle begeistert. Die hohen Kosten der Umrüstung hielt zunächst viele von Innovationen ab. Allmählich mußten sie aber dem neuen Trend folgen, was oft langjährige Verschuldung bedeutete.

Propagandrument
Die große Popularität des Films machte ihn in der NS-Zeit zu einem geeigneten Propagandrument. Bereits vor 1938 wurde mit Propagandafilmen für den Anschluß geworben. Nach 1938 gab es auch im Bereich des Kinowesens grundlegende Veränderungen. Die Bezeichnung "Kino" für Lichtspieltheater war unerwünscht, Kinos in jüdischem Besitz wurden "arisiert" und es wurde erneut investiert.

Premierenabende verwandelten sich zu reinen Propagandaveranstaltungen. Wichtigstes Propagandamittel blieben dennoch die Wochenschauen. Die Kinobetreiber wurden aufgefordert, mit eigens verfaßten Formularen die Reaktionen des Publikums in "Stimmungsberichten" zu erheben. Trotz veränderter Auflagen und Strukturen, trotz Krieg, Bomben und Zerstörung spielten die meisten Grazer Kinos solange wie möglich weiter.

Vom Kinoboom zum Kinosterben
Nach 1945 liefen zunächst russische, später auch englische und amerikanische Filme. Ab 1946 wurde u. a. der amerikanische Film "Todesmühlen" gezeigt, eine Dokumentation über die Konzentrationslager des Dritten Reiches, für die der gebürtige Österreicher Billy Wilder Regie geführt hatte.

Bis 1959 eröffneten weitere 26 Kinos, sehr viele in den Vororten. Für kurze Zeit verwandelte sich Graz zu einer Filmstadt. In den Thalerhof-Studios wurden mehrere Filmprojekte realisiert.

Der Wirtschaftsaufschwung der 60er Jahre, das Fernsehen und eine veränderte Steuer- und Verleihpolitik führten zum großen Kinosterben, von dem auch Graz nicht verschont blieb. Den Besucherrückgang versuchte man mit Preissteigerungen wettzumachen. Dennoch mußten viele kleinere Kinos schließen, so z. B. das Ring-Kino oder das Schillerkino.

Kino versus Video
Erst Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger zeichnete sich hier eine Wende ab. Die ersten Kinocenter entstanden. In Graz warb das Annenhof als erstes steirisches Kinocenter um Publikum. Das Geidorfkino hatte 1984 bereits 3 Säle. Das Royal eröffnete 1990 ebenfalls mit drei Sälen.

Seit Ende der Achtziger erlebt die Kinoindustrie paradoxerweise parallel zur "Video-Kultur" einen neuerlichen Boom. Allerdings herrscht eine starke Konzentration in der Besitz- und Verleihstruktur, so Suppan. Die Constantin-Kinokette übernimmt nach und nach fast alle Lichtspieltheater. Die Programmierung erfolgt zentral, Großproduktionen werden mit zahlreichen Kopien gleichzeitig in mehreren Kinos in allen Landeshauptstädten sowie vielen Bezirksstädten gestartet.

Der neueste Trend ist heute das Multiplex: Gigantische Kinoburgen etablieren sich in den Einkaufszentren am Stadtrand. "Neue Technologien lassen das Kino wieder zum Achterbahnerlebnis werden, wie in den Anfängen des Films", ist Suppan begeistert.

Der 100. Geburtstag des Films wird auch in Österreich feierlich begangen. Von staatlicher Seite plant man zahlreiche Aktivitäten rund um dieses Jubiläum, u. a. eine Wanderausstellung und ein Wanderkino. Auch Graz soll dann eine Station sein.

Diana Afrashteh


[<--INHALT--] [--WEITER-->]