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Pilz liebt Alge



Traute Zweisamkeit im Hochland der Mönche

von Helmut Gekle

Die Heimat des Dalai Lama, der tibetische Raum, war für Ass.-Prof. Dr. Walter Obermayer vom Institut für Botanik Ausgangspunkt für zwei naturwissenschaftliche Expeditionen. Tausende Belege von Flechten konnten dadurch zur Auswertung nach Graz gebracht werden.
Flechten, die eine gelungene Symbiose – ein Zusammenleben mit gegenseitigem Nutzen – von Pilz und Alge darstellen, sind bisweilen wahre Überlebenskünstler. Einige von ihnen überdauern mehrere Tage bei minus 196° Celsius im flüssigen Stickstoff, andere wiederum hat man bei minus 60° Celsius mehr als drei Jahre lang eingefroren und dann "wiederbelebt". Im Labor wurden Flechten zehn Jahre lang trocken gehalten, und es gelang, sie erneut ins Leben zurückzuholen. Die Mehrzahl von ihnen fühlt sich jedoch bei durchaus gemäßigten Temperaturen von 10° Celsius und bei relativ hoher Luftfeuchtigkeit erst so richtig wohl.

Die Expeditionen

Die Lebensgemeinschaft der Flechten kann man weltweit finden. Wissenschaftlich interessant werden sie unter anderem dann, wenn Sammlungen aus Regionen vorliegen, die bisher noch nicht erforscht sind, oder wenn es Aufzeichnungen älteren Datums gibt und der Wissenschaftler sich auf die Spuren seiner Vorgänger begibt, um deren Aufzeichnungen zu verfeinern oder zu vervollständigen. So geschehen bei zwei Expeditionen, die Walter Obermayer nach Tibet führten und dort unter anderem auch in den Bereich des südosttibetischen Randgebirges. Jene Region, in der Heinrich Freiherr von Handel-Mazzetti fast 100 Jahre zuvor etwa 850 Flechten-Belege gesammelt hatte. Alexander Zahlbruckner, Kustos am Naturhistorischen Museum in Wien, bearbeitete diese Funde und beschrieb nicht weniger als 219 neue Sippen. Obermayer brachte von der ersten Expedition 1994, die rund drei Monate dauerte, annähernd 5.000 Belege mit. Die Auswertung der zum Teil unter schwierigsten Bedingungen gesammelten Belege erfolgte in langjährigen wissenschaftlichen Arbeiten, sodass die Ergebnisse – verstreut über bisher bereits 26 Publikationen – erst in jüngerer Zeit publik gemacht wurden. Unter anderem konnten eine Flechte, das so genannte "Pleopsidium discurrens", erneut gesammelt sowie zahlreiche bis jetzt noch nicht beschriebene Arten entdeckt werden. Im Jahr 2000 erfolgte eine weitere einmonatige Expedition in das südosttibetische Randgebirge. Auf Grund extremer Wetterbedingungen wurden Teile des Zielgebietes nicht erreicht, ein Ausweichen in gangbare Regionen erbrachte aber dennoch befriedigende Ergebnisse. Mehr als 2.000 Belege fanden sich damals im Gepäck des Wissenschaftlers. Diese mussten vor Ort getrocknet und "marschbereit" gemacht werden.

Chemische Füllhörner

Bei der Auswertung der Belege arbeitet Obermayer mit vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eng zusammen, so auch mit dem australischen Flechtenchemiker Dr. John A. Elix. "Flechten können, ohne zu übertreiben, als "chemische Füllhörner" bezeichnet werden, denn keine andere Organismengruppe verfügt über derart viele chemische Inhaltsstoffe wie diese", sagt Obermayer. Die strauchförmig wachsende Flechte "Sulcaria sulcata" etwa besitzt nach neuesten, bereits publizierten Untersuchungen von Obermayer und Elix elf verschiedene Flechtenstoffe und kommt in Tibet in sechs unterschiedlichen chemischen Rassen vor. Aus dem in den Jahren 1994 und 2000 gesammelten Material der Strauchflechte konnten drei für die Wissenschaft völlig neue Substanzen isoliert werden. Mit weiteren unbekannten Stoffen ist auch bei zahlreichen anderen Arten zu rechnen. Der größere Teil der Flechtenstoffe ist ungefärbt und liegt in Kristallform vor. Zum Teil sind die Substanzen giftig. Dies soll ein Gefressen-Werden verhindern, oder sie bieten Schutz vor gefährlicher ultravioletter Strahlung, wie es zum Beispiel im Hochgebirge notwendig ist.

Garant für Luftgüte

Große Bedeutung haben Flechten auch als Bioindikatoren, das sind Zeigerorganismen, bei Luftgüteuntersuchungen. Anhand von Zeigerflechten wird im Abstand von mehreren Jahren eine Bestandsaufnahme durchgeführt, die Aufschlüsse über die Luftverschmutzung, insbesondere die SO2-Belastung, gibt. Nachgewiesen werden konnte, dass Flechten wieder in die Städte zurückkehren, somit die Luftverschmutzung abnimmt und die Luftgüte steigt. Auch bei Aussagen über die Biodiversität von Lebensräumen spielen Flechten eine bedeutende Rolle. Ein hohe Anzahl verschiedener Organismen in einem Gebiet weist häufig auf eine ungestörte Umwelt hin. Die aus den zwei Tibet-Expeditionen erhobenen Daten bilden die Grundlage für weitere Biodiversitätsforschungen im tibetischen Großraum. Verglichen werden die Ergebnisse der Beleg-Untersuchungen natürlich auch mit den Flechtenvorkommen in unseren Alpen, um so auf disjunkte Areale, d. h. zerstückelte Verbreitungsgebiete, schließen zu können. Zahlreiche Flechten, die in Mitteleuropa auftreten, wurden auch im Expeditionsgebiet gefunden, dies lässt eine frühere Zusammengehörigkeit der Gebiete vermuten. Derzeit wird weltweit verstärkt an der möglichen anti-karzerogenen – also gegen Krebs gerichteten – Wirkung von Flechtenstoffen geforscht. Aufbewahrt werden die Belege im institutseigenen Herbarium. Dieses fasst bereits an die 200.000 Flechtenbelege, darunter auch mehr als 1.000 "Typen". Es sind dies jene Belege, auf die eine neu beschriebene Art begründet ist. Sie erhalten einen eigenen Namen, welcher der Fantasie des Wissenschaftlers entspringen darf. Zu einer weiteren entscheidenden Vergrößerung des Flechtenbestandes im Herbarium des Grazer Institutes für Botanik dürfte eine von Obermayer für das Jahr 2003 geplante Expedition in die Umgebung des Kokonorsees, der Geburtsregion des Dalai Lama, führen.


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Der Botaniker Walter Obermayer bei einer Expedition in das tibetische Hochland.


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Allocetraria globlulans: eine Blattflechte, die nur im Tibetisch-himalayischen Raum vorkommt.


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Beim Sammeln von Gesteinsflechten wurden die religiösen Felszeichnungen verschont.

Foto: Obermayer


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Sammelplätze der deutsch-chinesischen Expedition 1994, unter Beteiligung des Grazer Forschers Walter Obermayer.


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