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Eine
Zeit lang war es fast ein Modewort. Jeder, der etwas auf sich
hielt, musste „im Stress" sein. Was vor tausenden von
Jahren eine sinnvolle Antwort auf Gefahren bei der Jagd und
überhaupt im Überlebenskampf war, hat heute –
wie es scheint – den Menschen umgekehrt im Griff. Manche
suchen den Stress sogar, die meisten fühlen sich vom
Tempo und den Anforderungen unserer Zeit überfordert.
Doch was ist Stress genau, und wie kann man ihn wissenschaftlich
objektivieren?
Sepp
Porta beschäftigt sich mit Kolleginnen und Kollegen aus
verschiedenen anderen Fachdisziplinen (Medizin, Psychologie)
genau mit dieser Frage. Wie entsteht Stress, wie verarbeitet
der Körper ihn, wo endet der „gesunde Stress",
und wo warten Bluthochdruck und Herzkrankheiten.
"Stressmessungen
waren eigentlich immer eine Domäne der Psychologen",
erzählt Porta. Kein Wunder, kann man mit Fragebögen
einen großen Personenkreis in verhältnismäßig
kurzer Zeit und ohne Unannehmlichkeiten für den Patientinnen
und Patienten erfassen. Die Hormonforschung hat es da viel
schwerer. Denn Stress entsteht durch ein kompliziertes Wechselspiel
verschiedener Hormone, jener entscheidenden Botenstoffe und
Auslöser, die in winzigen Mengen über das Blut die
Körperaktivitäten regulieren. Beim Stress fordert
der Körper – und insbesondere das Gehirn –
raschest Zuckernachschub. Die Gruppe der Katecholaminen (Dopamin,
Nor-Adrenalin, Adrenalin) sorgen dann dafür, dass der
dringend verlangte Zucker aus eigenen Depots im Körper
(etwa der Leber) herausgeholt wird.
"Die
Messung dieser Stoffe ist keine Routineangelegenheit", betont
Porta. Es geht hier um pico-Gramm an Mengen, also buchstäblich
verschwindende Mengen, die in speziellen Hochdruck-Flüssigkeits-Chromatographen
analysiert werden müssen. „Um 10 bis 15 Leute zu
untersuchen, muss man rund drei Wochen rechnen", sagt Porta.
Deshalb messen die Grazer nicht direkt die Katecholamine,
sondern die Effekte, die sie produzieren. So beschleunigt
sich die Atmung in Stresssituationen, die Lactatwerte steigen
und anderes mehr. Der springende Punkt ist aber nun, diese
sekundären Werte so zu gewichten, dass sie ein Mass für
den Stress werden können.
Analysiert
wird auch hier das Blutbild, und dann mit Hilfe eines computerunterstützten
Mustererkennungssystems auf den Stress „zurückgerechnet".
Denn Stress ist nicht gleich Stress. "Arbeitsstress bedeutet
etwa einen großen Sauerstoffverbrauch, psychischer Stress
schaut anders aus", erläutert Porta. Die Dauer dieser
Messungen ist im Vergleich zur herkömmlichen Methode
extrem kurz: Rund 60 bis 70 Personen können pro Tag untersucht
werden, „und das ist das Neue und Besondere: Noch nie
konnte man soviele Probandinnen und Probanden in so kurzer
Zeit untersuchen, außer mit psychologischen Tests". Die
Kompetenz der Forschung liegt darin, dass die Werte sehr gut
mit jenen Messungen korrelieren, die von der Psychologie geliefert
werden. Weil aber sozusagen "simple" Analysegeräte
zur Anwendung kommen, die in jeder Klinik zur Verfügung
stehen, ist die Methode auch außerhalb des Wissenschaftler-Labors
ideal, etwa auch für die Arbeitsmedizin und für
Bereiche, in denen gerade das Verhalten des Menschen im Stress-Zustand
von größter Bedeutung ist.
Dementsprechend
rege ist das Interesse an der Methode und den Erkenntnissen.
So gibt es eine bewährte Zusammenarbeit mit dem österreichischen
Bundesheer, auch die US-Air Force ist schon seit Jahren zu
Gast in Bad Radkersburg. Dort ist das Institut für Angewandte
Stress-Forschung beheimatet, dessen Leiter Sepp Porta ist.
Der Ort Bad Radkersburg kommt dadurch ins Spiel, weil Magnesium
als der Stress-Killer schlechthin gilt.
Der
Magnesium-Effekt erklärt zu einem gewissen Grad übrigens
auch, warum gestresste Menschen instinktiv zu Schokolade greifen:
Weil Kakao den Mineralstoff in großen Mengen enthält,
kann man schon mit wenigen Riegeln (dunkler) Schokolade eine
merkbare stressdämmende Wirkung feststellen.
Porta
hält wenig von der Unterscheidung zwischen „gutem"
und "schlechtem" Stress. Die Grenze verlaufe eher zwischen
Forderung an den Körper und Überforderung. Denn
seit Millionen von Jahren sei das Leben "ein einziges
Stresstraining, eine Materialprüfung für den Körper".
Allerdings
gibt es speziell beim Stress Besonderheiten: Die zuständigen
Hormone werden nicht – wie im Vergleich dazu etwa die
Sexualhormone – einfach zurückgeregelt. Im Gegenteil:
Bei entsprechender Anspannung werden sie im Nebennierenmark
immer weiter produziert. Schon dreimal konnte man diese Erkenntnisse
in der internationalen Zeitschrift „Life Sciences" publizieren.
Wie
schädlich oder tödlich Stress tatsächlich sein
kann, lässt sich schwer beziffern. Porta schätzt,
dass es „bei einer großen Grauzone" rund 30 bis
40 Patientinnen und Patienten im Jahr in der Steiermark sind,
die wegen übermäßigem Stress mit Bluthochdruck
und Herzkrankheiten zu rechnen haben.
Was
empfiehlt man also dem stressgeplagten Menschen des 21. Jahrhunderts,
wo die Menschen nicht mehr „die Keule schwingen, sondern
das Keyboard", wie es Porta formuliert? "Der Plan ist
der Feind jeden Stresses", verrät Porta ein probates
„Hausmittel". Sozusagen „Gefahr erkannt, im Plan
gebannt". Doch wenn es dazu kommt, dann hilft am besten Bewegung.
„Auslaufen, sich körperlich betätigen", so
drückt man den Blutzuckerspiegel, der durch die Stresshormone
sozusagen aus dem Gleichgewicht gekommen ist. Und wie hält
es der Stressforscher selbst: „Rad fahren und Karl May
lesen", gesteht Sepp Porta.
Über
das Projekt "Stress
am Bau" vom Institut für Psychologie berichtete die
UNIZEIT
3/01.
Buchtipp
- "Gib
den Stresshormonen, was sie brauchen", so titelt Sepp Porta
mit seinem Co-Autor, dem Zeitschriftenjournalisten Günther
Zagler, einen populärwissenschaftlichen Ratgeber zum
Thema Stress, der kürzlich im Verlag Kreuz in der Ratgeber-Reihe
„Was Menschen bewegt" erschienen ist. Porta spricht
auf 192 Seiten praktisch alles an, was es zum Thema Stress
zu sagen gibt. Mit zahlreichen anschaulichen Beispielen
und in flotter Sprache
geht der Stressforscher an das Thema heran. Von "Das
Burnout-Syndrom" bis zu "Trennungs-Stress und was dagegen
hilft", von Ernährungshinweisen samt Rezepten bis hin
zum „Stress beim Abnehmen" reicht das breite Spektrum.
Der Wissenschaftler belässt es aber nicht nur bei Tipps,
sondern gibt dem Laien einen guten Einblick darüber,
wie das Phänomen zu Stande kommt. Porta folgt dabei
dem zentralen Motto, das er dem Buch voranstellt: „Es
gibt nicht nur Stress, der uns nervt, ärgert, krank
und kaputt macht, sondern auch Stress, der uns glücklich
macht."
Norbert
Swoboda
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