Für Hildegunde Piza, die das Ärzteteam
anführte und als erste Frau heuer zum Wissenschaftler
des Jahres gewählt wurde, ist dieses Ergebnis nur
die Summe der Bemühungen der letzten 30 Jahre. O.Univ.-Prof.
Dr. Hildegunde Piza gehört zu jenen Frauen, die in einer
ausgesprochenen Männerdomäne Karriere gemacht hat,
auch wenn sie nicht gerne darüber spricht. Die Überzeugungsarbeit,
Widerstände zu überwinden, stand schon am Anfang
ihrer Laufbahn. 1970 an der I. Chirurgischen Universitätsklinik
in Wien war ihr damaliger Chef der Auffassung, dass Frauen
in der Chi-rurgie prinzipiell nichts zu suchen hätten.
Nun, sie wurde dennoch Assis-tenzärztin, dann Oberärztin,
1982 erhielt sie die Lehrbefugnis für Plastische Chirurgie
an der Universität Wien. 1992 gründete sie die Abteilung
für Plastische- und Wiederherstellungschirurgie im Krankenhaus
Lainz. 1999 wurde sie zur Vorständin der Universitätsklinik
für Plastische- und Wiederherstellungschirurgie in Innsbruck
übrigens als erste Frau Leiterin einer chirurgischen
Abteilung ernannt.
Der Weg dorthin war durchaus nicht geebnet, Hürden waren
zu nehmen, neuerlich war Überzeugungsarbeit zu leisten,
um akzeptiert zu werden. Dennoch will Hildegunde Piza es nicht
überbewertet wissen: Als Frau braucht man in diesem
Beruf nicht männlicher sein als ein Mann. Widerstände
kann man wirklich gut überwinden, wenn man durch die
Arbeit zeigt, dass man niemandem etwas wegnehmen will und
dass man ein Ziel hat, das man erreichen möchte. Notwendig
ist wohl, dass man demons-triert, man macht es nicht schlechter,
vielleicht auch nicht besser, aber eben gleich gut wie ein
Mann.
Prägende Professoren
Der Beruf, den Hildegunde Piza jetzt ausübt, war zunächst
nicht Berufung. Obwohl der Vater, fast 60 Jahre Arzt in Weiz,
ein großes Vorbild ausübte so etwas
wie die Vatermilch für mich. Dennoch war die Entscheidung
für das Medizinstudium nicht vorgefasst. Mein Wunsch
insgeheim war eigentlich Sport oder irgendein Lehrfach, es
hätte auch eine Sprache sein können. Diesbezüglich
war eindeutig die Zeit bei den Ursulinen in Graz prägend.
Schließlich siegte aber doch die Medizin. 1959 inskribierte
Hildegunde Piza an der Medizinischen Fakultät in Graz.
Eine entscheidende Bemerkung machte einer ihrer Professoren,
Univ.Prof. Thiel, in einer der ersten Vorlesungen: Sie
können heute entscheiden, ob Sie zu Ärzten gehören
wollen, die viel Zeit und wenig Geld oder wenig Zeit und viel
Geld haben. Er wollte uns damals, glaube ich,
einfach sagen, dass das sicher kein Beruf ist, der mit Zeit
begrenzt sein kann, sondern ein ständiges Studium, ein
ständiges Hinterfragen. Das ist mir wortwörtlich
im Kopf geblieben. Es gab einige Universitätsprofessoren,
die durchaus prägend waren, wohl auch weil sich
damals noch Professoren getraut haben, über sich und
ihr Weltbild in der Vorlesung zu sprechen. Professor Lieb
in der Chemie, Professor Musger, Professor Spath, der Chirurg,
ein sehr eleganter und vornehmer Herr, der viele gute Schüler
um sich geschart hat, oder Professor Riegler von der Physiologie,
der uns hingeführt hat in die biomedizinische Denkweise,
erinnert sich Piza.
Geistige Heimat
Ein zweites, absolut wichtiges Standbein bildete in dieser
Zeit für Hilde-gunde Piza die katholische Hochschulgemeinde.
Monsignore Reichenpfader, der jetzige Bischof Egon Kapellari
und Pater Severin Schneider, der Benediktiner, der über
Heidegger promovierte und die Gruppe der Mediziner in der
Hochschulgemeinde führte. Von diesen Wurzeln habe
ich sehr viel mitgenommen: die interdisziplinären Diskussionsabende.
Zum Beispiel die Diskussion ethischer Probleme in der Medizin
damals war richtungsweisend, wahrscheinlich sogar für
die Medizin in ganz Österreich. Wir haben natürlich
nicht nur diskutiert, wir waren auch gemeinsam Schi fahren
oder tanzen ich habe es immer als meine geistige Heimat
bezeichnet.
Salzburger Festspiele
Nach der Promotion am 24. November 1965 in Graz, nach einem
halben Jahr bei den Barmherzigen Brüdern in Eggenberg,
fiel die Entscheidung für Salzburg. Primär nicht
wegen der Ausbildung, sondern: Ich wollte einmal einen
Sommer lang um wenig Geld bei den Salzburger Festspielen verbringen.
Daraus sind schließlich fünf Jahre geworden.
Einem Zufall war es zu verdanken, dass Hildegunde Piza eine
Ausbildungsstelle an der Chirurgie bekam. Daraus wuchs der
Wunsch, sich in plastischer Chirurgie zu spezialisieren. Zur
Auswahl standen Salzburg, Innsbruck oder Wien. Die Entscheidung
für Wien war wohl auch schicksalhaft, denn an der Chirurgischen
Universitätsklinik lernt sie ihren späteren Ehemann,
Univ.-Prof. Dr. Franz Piza, kennen. Mein Mann war ein
großes Vorbild für mich. Viel gemeinsames Denken
hat uns zusammengeführt. Ohne ihn hätte ich das
nicht alles geschafft.
Kinder und Karriere ein Entweder- oder stand nie zur
Diskussion. Drei Kinder während das dritte im
Säuglingsalter war, schrieb Hildegunde Piza die Habilitation.
Mindestens so wichtig wie die Unterstützung des Mannes
war eine Handvoll Freunde, die man wirklich belasten
kann, auch wenn es um schwierige Dinge mit den Kindern geht.
Soweit ich das beurteilen kann, sind meine Kinder keine unglücklicheren
Menschen geworden, als wenn ihre Mutter zu Hause gewesen wäre.
Wichtiger als permanente Anwesenheit sei es, den Kindern ein
Beispiel zu geben. Die Talente zu erkennen und zu fördern
ist eine der wesentlichen Aufgaben der Eltern, der Schulen
und der Universität.
24 Stunden sollte man nützen
Ihre eigene Studienzeit war für Hildegunde Piza wichtig
und prägend. Deshalb legt sie den Studierenden heute
auch nahe, die Universität mit ihrem vielseitigen Angebot
in dieser Zeit zu nützen. Das Hirn ist ja in dieser
Zeit noch in all seiner Größe vorhanden. Und 24
Stunden sind ja eigentlich enorm viel Zeit, die man jeden
Tag hat, die sollte man nützen. Wichtig ist der weitere
Blick, den man sich aneignen sollte, die umfassendere Bildung.
Das mediale Echo rund um den Titel Wissenschaftlerin des Jahres,
den Piza der Club der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten
kürzlich verliehen hat, sind für sie persönlich
freundliche Begleiterscheinungen. Wirklich freut
sie, dass es ihrem Patienten, Bombenopfer Theo Kelz, dank
seiner neuen Hände wieder gut geht, und die damit verbundene
Aufwertung, die dadurch die rekonstruktive Chirurgie erfahren
hat.
Agnes Altziebler