|
Grünzeug
unter der Lupe
Fichte, Spinat und Kiefer in 3D
|
| Manchmal
ist man am Institut für Pflanzenphysiologie ganz schön
kleinlich. Nämlich dann, wenn es um die Mikroskopie geht.
Dieser wissenschaftliche Minimalismus bringt aber
durchaus Großes zuwege. Grund genug, diese Forschungsaktivitäten
und -erkenntnisse einmal aus der Nähe zu betrachten. |
Für eine größere Darstellung
klicken Sie bitte auf die Bilder.
Schematische
Darstellung der Prozeduren vom lebenden Präparat (1)
bis zur dreidimensionalen Rekonstruktion und Datenerhebung
von Zellorganellen und deren Feinstrukturen (6). 1. Blattentnahme,
Fixierung und Einbettung in Kunstharz. 2. und 3. Ultradünnschnittserien
werden mit dem Transmissionselektronenmikroskop untersucht.
4. bis 6. Mittels Computer werden die Struktur, Volums-
und Oberflächendaten analysiert und dargestellt.

3D
Darstellung eines Zellausschnittes eines Spinatblattes.
Abkürzungen: ch (1-5)-Chloroplasten mit Membranen
(grün) und Stärke (blau), cw-Zellwand, m-Mitochondrium
(rot), px-Peroxisom (blau). Der abgebildete Würfel
entspricht 1 µm3.
Grafiken:
Institut für Pflanzenphysiologie
|
|
Die Mikroskopie hat eine lange Tradition vorzuweisen.
Dieser Forschungszweig verästelt sich in den der klassischen
Lichtmikroskopie und in den der Elektronenmikroskopie. Bedingt
durch die technologischen Möglichkeiten gibt es in letzterem
Bereich noch die Unterscheidung in Transmissions- und Rasterelektronenmikroskopie.
Die wichtigsten Merkmale: Die Messgenauigkeit des Lichtmikroskops
ist durch die Wellenlänge des Lichts beschränkt
und beträgt in etwa 0.2 µm. Untersucht werden damit
Schnitte mit einer Dicke von mehreren Mikrometern. Das Transmissionselektronenmikroskop
kann mit einer stärkeren Liebe zum Detail aufwarten.
Ultradünnschnitte von 70-90 nm werden dabei unter
die Lupe genommen. Die Genauigkeit hat jedoch ihren
Preis: Die Vorbereitungsarbeiten sind enorm aufwändig,
erläutert Institutsleiter Ao. Univ.-Prof. Dr. Helmut
Guttenberger die Problematik. So kann nur wasserfreie tote
Materie im Vakuum untersucht werden. Schon ein paar
Wassermoleküle im Präparat würden dieses im
Hochvakuum zum Platzen bringen und zerstören.
Haarspalterei
Bei der Präparierung, beispielsweise einer Baumnadel,
wird das Objekt zuallererst fixiert, dehydriert und in Kunstharz
gegossen, damit sein struktureller Aufbau erhalten bleibt.
Durch Hitzeeinwirkung wird das Kunstharz auspolymerisiert,
das Präparat wird hart.
Was das Seziermesser für den Chirurgen, ist das Ultramikrotom
für den Mikroskopiker. Mit Hilfe dieses mechanischen
Hochpräzisionswerkzeuges ist es dann möglich, das
pflanzliche Präparat scheibchenweise bis zu einer Dicke
von 100 nm zu zerschneiden. Daneben erscheint gar Haarspalterei
als plumpe Übung in Grobmotorik. Die Schnitte schwimmen
dann auf einer Wasseroberfläche, von wo sie unter Zuhilfenahme
einer menschlichen Wimper auf einen Objektträger aufgebracht
werden und dann ins Transmissionselektronenmikroskop kommen.
Das alles sind Arbeiten, die in der Arbeitsgruppe für
Zellphysiologie und Cytologie des Instituts für Pflanzenphysiologie
an der Universität Graz unter der Leitung von Ass.-Prof.
Dr. Günther Zellnig zuhauf erledigt werden müssen.
In seinem FWF-Projekt zum Normalaufbau von Zellorganellen
forschen er und Mag. Dr. Andreas Perktold konkret an
der 3D-Rekonstruktion dieser Zellorganellen und deren Feinstrukturen,
exemplarisch an den drei Pflanzen Fichte, Spinat und Kiefer.
Durch kumulierte Ultradünnschnitt-Serien wird die komplette
reale Zellstruktur via Computer dreidimensional zusammengesetzt.
Das ist weltweit einer der ersten Versuche überhaupt,
Chloroplasten das sind jene organischen Sonnenkollektoren,
die dafür verantwortlich sind, dass Pflanzen Licht in
chemische Energie umwandeln als strukturelle Gesamtheit
zu beschreiben und darzustellen. Bis dato ist das nur virtuell
in Modellen geschehen. Da der Zellaufbau nun digital am PC
vorhanden ist, ist es möglich, bestimmte Bereiche auszublenden
(z.B. Stärke, Membranen), andere dafür genauer zu
analysieren, Flächen- und Volumsberechnungen durchzuführen
und so zu reichlich quantifizierbarem Datenmaterial zu kommen.
Klimakammer
Das Forschungsvorhaben geht aber noch weiter, denn mit diesem
neuartigen Verfahren können auch Veränderungen in
der Feinstruktur der Organellen, hervorgerufen durch Umwelteinflüsse
oder tagesperiodische Schwankungen, veranschaulicht und nachgewiesen
werden. Hauptziel und gleichzeitig Knackpunkt Nummer 1 ist
es, kausale Aussagen über die Wirkung von Umwelteinflüssen
auf die Zellstruktur treffen zu können. Gerade im Bereich
der Waldschadensforschung ist dies von höchster Relevanz.
Dazu werden die Pflanzen in der Klimakammer und unter bestimmten
Umweltbedingungen (Tages- und Nachtrhythmus, Luftfeuchtigkeit,
Nährstoffgehalt der Erde, Außentemperatur, Bewässerung
etc.) aufgezogen und auf einen Normalzustand nivelliert.
Es ist natürlich unmöglich zu sagen, was tatsächlich
normale Umweltbedingungen sind, allerdings können durch
dieses Versuchssetting sogenannte Stressfaktoren einzeln verändert
und gemessen werden. Trockenstress wird beispielsweise dadurch
erzeugt, dass die Bewässerung erheblich reduziert wird,
alle anderen Rahmenbedingungen aber gleich bleiben.
Feldversuch
Wesentlich komplexere und schwer messbare Zusammenhänge
ergeben sich dann im Feldversuch, im Freiland also. Zum Vergleich
und zur Erklärung werden hier gerne die im Labor gewonnenen
Daten herbeigezogen.
Die erforschten Veränderungen in Zellstruktur und -aufbau
gehen sogar soweit, dass erhebliche Modifikationen im Erbmaterial
der Pflanzen festgestellt wurden. Doch was das genau bedeutet,
kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gesagt werden. Klar
ist, dass in diese Richtung intensiv weitergeforscht wird.
Mensch und Grünzeug werden am Institut für Pflanzenphysiologie
auch in Zukunft noch einiges an Stress ertragen
müssen.
Robert Hutter
|
|
|