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BetreuerIn *7.3.01
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Entwurzelt und enteignet
Den Arisierungen in der Steiermark auf der Spur

Nach 60 Jahren hat sich k├rzlich das Parlament zur Entsch┴digung von NS-Opfern und geraubtem j├dischen Eigentum durchgerungen. Auch an der Universit┴t Graz haben nun vier Wissenschaftler die Spuren aufgenommen und dokumentieren erstmals systematisch die Arisierungen j├dischen Besitzes in der Steiermark.
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Foto: DÖW

„Ich erinnere mich sehr gut, wie der Kommissär zu uns kam, um meinem Vater seine De-facto-Entmündigung zu erklären. Mein Vater musste seine Brieftasche auf den Tisch legen, dann forderte er auch den Inhalt seiner Geldbörse ab. Dann nahm er alle Geschäftsschlüssel in Besitz“, erinnerte sich Harald Salzmann, der 1990 verstorbene Sohn des jüdischen Malermeisters Simon Salzmann, der einen Betrieb am Grazer Griesplatz besaß, laut Heimo Halbrainer. Auch Landesrabbiner David Herzog blieb im März 1938 vom „Raubzug“ der Ariseure nicht verschont. In seinen Erinnerungen schrieb er: „Nachdem die Verwüstung in meinem Studierzimmer vorläufig – so sagten die beiden SS-Verbrecher – beendigt worden war, ging es an die anderen Zimmer, wo weitere Schätze meiner Bibliothek aufgestellt worden waren, und als auch dort alles drum- und draufgeworfen war, und viele wertvolle Sachen an die Seite gelegt worden waren, ging es an die Wohnzimmer, Küche, Badezimmer, wo alles unter Bedeckung der zwei Soldaten untersucht und manches wertvolle Stück beiseite gelegt worden war ...“
„Die Wiedergutmachung und Entschädigung in Österreich muss als minimal und vollständig ungenügend und in keinem Verhältnis zu den tatsächlichen Verlusten stehend erklärt werden“, hielt der gebürtige Grazer Jude Otto Rendi bereits 1973 in einem Aufsatz „Wiedergutmachung an den in Österreich durch die Nationalsozialisten rassisch und politisch Verfolgten“ in der Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark (LXIV. Jahrgang) fest. Ein Kapitel, unter das auch ein Vierteljahrhundert später nicht der Schlussstrich gezogen werden kann. Selbst dann, wenn sich nach dem einstimmigen parlamentarischen Beschluss zu den NS-Entschädigungszahlungen jetzt doch eine Lösung abzeichnet.

Penibles Wissen


Was kann die Geschichtswissenschaft dazu beitragen? Zusätzlich zur politischen, rechtlichen und moralischen Komponente? Diese Fragen versucht das aktuelle Forschungsprojekt an der Universität Graz „Die Arisierungen und Maßnahmen der Restitution in der Steiermark“ zu beantworten. Dr. Eduard Staudinger, Ass.-Prof. am Institut für Geschichte, steht zwar erst am Anfang der Arbeit, kennt aber das Ziel: „Wir wollen auf vorhandenen Quellen eine genau recherchierte Dokumentation über die Größenordnung, die Ablaufformen und die Restitution der Enteignungen in der Steiermark erstellen.“ Zwei Jahre hat sich das Wissenschaftler-Team - Eduard Staudinger, Dr. Martin Polaschek, Ao.-Prof. am Institut für Österreichische Rechtsgeschichte und Europäische Rechtsentwicklung, Historiker Mag. Heimo Halbrainer und Historikerin Mag. Andrea Strutz - dafür eingeräumt, um dann die Ergebnisse zu publizieren. Mittlerweile wurden die ersten Spuren aufgenommen. Dass das gesamte Projekt bei der Historikerkommission in Wien aufgrund der regionalen Eingrenzung auf geringes Interesse gestoßen war, ist kein Thema mehr. Vielmehr jedoch die Finanzierung, die noch ungeklärt ist.
Im Steiermärkischen Landesarchiv stieß Staudinger vor einigen Jahren auf die Akten der Vermögensverkehrsstelle der Zweigstelle Graz, die – ansässig in der Schmiedgasse – mit der Durchführung der Arisierung beschäftigt war. Auch wenn die Archivsperre spätestens 1989 aufgehoben war, ist der Grazer Historiker einer der ersten, der sich mit der dunklen Epoche systematisch auseinandersetzt. Warum so spät? Staudinger kann nur vermuten: „Es wurden immer wieder punktuell Schicksale behandelt. Auf das Ganze hat man anscheinend nicht geachtet.“ Durch insgesamt 1306 der im Landesarchiv lagernden Akten der Vermögensverkehrsstelle will sich Staudinger also durchwühlen, um schließlich ein vollständiges Bild zu erhalten: „Es ist vor allem auch eine Täter- und Opfergeschichte.“
Über das tatsächliche Ausmaß der Arisierungen lässt sich vorerst noch keine seriöse Aussage machen. Als Anhaltspunkt dient Otto Rendis Auflistung, der 241 Betriebe sowie 1040 städtische Häuser und landwirtschaftliche Objekte nachgezählt hatte, die sich Anfang 1938 in der Steiermark in jüdischem Besitz befanden. Als Gesamtwert hatte er eine Summe von 30 Millionen Reichsmark errechnet. „Ein realistischer Ansatz“, bestätigt Staudinger. Problematisch dürften die „wilden Arisierungen“ zu rekonstruieren sein, die kurz nach dem Anschluss im März 1938 vorgenommen wurden, als sich Einzelpersonen häufig selbstständig zu Kommissären ernannt hatten. In diesen Fällen sollen Interviews mit Überlebenden, aber auch die Initiativen von Heimo Halbrainer die Ereignisse ans Tageslicht bringen. Halbrainer wird vor allem der Frage nachgehen, in wie weit die Rückstellung jüdischen Eigentums in den Prozessen nach 1945 erfolgt war: „Denn die Steiermark ist in der glücklichen Lage, dass etwa 90% der Zivilprozessakten in Graz und Leoben aufbewahrt wurden. Und nicht wie in anderen Bundesländern weggeworfen worden sind.“

„Legaler“ Anstrich


Obwohl Staudinger das Projekt erst vorsichtig skizzieren kann, spezifiziert er zwei Typen. Zum einen der „Einzelariseur“. Lokale Größen, die regional versuchten, jüdische Besitztümer „in die Hände zu kriegen“. Zum anderen „Interessensgruppen“, die sich aus mehreren Personen wie Anwälten oder Firmenvertretern zusammensetzten, um jüdisches Vermögen einzukassieren. So hatte es etwa eine vierköpfige Gemeinschaft betrieben, das Aktienpaket der Maschinenfabrik Andritz, das sich mehrheitlich im Besitz der Familie Gutmann befand, zu übernehmen.
Ins Auge sticht vor allem, so Staudinger, die penible Bürokratisierung, die den Machenschaften einen „legalen“ Anstrich verpasste. Nachdem sich „arische“ Unternehmer um die Übernahme beworben hatten, wurde unter anderem ein Kaufvertrag aufgesetzt. „Es ist aus den Akten selbst schwer nachzuvollziehen, wie das im einzelnen abgelaufen ist“, räumt Staudinger ein. Und erinnert an Beispiele, wo der Kaufpreis zwar auf ein Konto überwiesen wurde, worauf der Eigentümer allerdings nur beschränkten Zugriff hatte.
Ebenso geklärt muss werden, wie hoch der Anteil der tatsächlichen Arisierungen war. Grundsätzlich kann laut Roman Sandgruber (in „Ökonomie und Politik“ – Österreichische Wirtschaftsgeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Wien 1995) festgehalten werden, dass acht von zehn jüdischen Geschäften sowie Betrieben nicht weitergeführt, sondern aufgelöst wurden. Erste Untersuchungen lassen ein ähnliches Bild auch für die Steiermark erkennen. Liquidationen waren in der Überzahl, Betriebe und ihre Besitzer verschwanden für immer aus dem Stadtbild ...

Andreas Schweiger

 


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