Ja, wie sehen denn nun Atome eigentlich aus?
Nicht nur ein Kindermund könnte diese vermeintlich einfache
Frage stellen. Spätestens seit der Jahrhundertwende und
der nachfolgenden Entwicklung der Quantenphysik ist das Bild,
das man sich von Atomen und Molekülen machen kann, ein
eher unklares.
Sich ein Bild machen können genau darauf hinaus
will aber Bernd Thaller, Univ.-Professor für Angewandte
Mathematik am Institut für Mathematik. Zu einem Lehrbuch
hat er eine Software geschrieben, die anschaulich zeigt, wie
Quantenmechanik funktioniert.
Visual Quantum Mechanics
Die Beispiele sind nicht nur formschön und elegant, sondern
auch didaktisch und von der Benutzung her so geglückt,
dass Thaller damit nicht nur in die Endausscheidung des European
Academic Software Award vorstoßen konnte, sondern
einer der zehn Preisträger war. Alle zwei Jahre werden
hier 30 Finalisten aus ganz Europa und dem gesamten wissenschaftlichen
Bereich ausgewählt. Heuer trafen sie sich Ende November
im holländischen Rotterdam.
Darüber hinaus gab es für die Visual Quantum Mechanic
eine besondere Erwähnung als herausragende Innovation
im Fachgebiet. Diesmal sind es europaweit nur zwei physikalische
Projekte, die anderen Preisträger kommen aus den Bereichen
der Medizin und Biologie.
Visual Quantum Mechanics nennt sich das Lehrbuch,
das Thaller verfasst hat und dem die Animationen beigelegt
sind. Es handelt sich um kleine Filmsequenzen, die die Rechnungen
und Überlegungen zur Quantenmechanik illustrieren. Im
Gegensatz zu anderen Begleit-CD-Roms für Quantenmechanik-Bücher
liegt hier die Betonung vor allem auf der Illustration. In
der Quantenmechanik stimmen viele intuitive Vorstellungen
einfach nicht, sagt Thaller. Durch klassische Vorstellungen
(Elektron umkreist das Atom) werde man oft in die Irre geführt.
Andererseits ist die Formelsprache, die man in der Quantenphysik
verwendet, äußerst abstrakt. Die Visualisierung
erfordert deshalb besondere Sorgfalt. Es wird nicht
Wirklichkeit selber gezeigt, sondern jene mathematischen Objekte,
die ihrerseits die Wirklichkeit beschreiben, erklärt
Thaller. Denn die Eigenschaften im atomaren Bereich liegen
in der Wellenfunktion verborgen, die selbst wenig Entsprechung
in der Alltagserfahrung hat. Die Quantenmechanik ist
aber prädestiniert dafür, sie mit Hilfe von Computergrafiken
zu illustrieren, weil es sonst praktisch überhaupt keine
anderen Möglichkeiten gibt, sagt Thaller. Ursprünglich
programmierte er diese Grafiken, um seine Vorlesungen besser
zu veranschaulichen. Diese Software wollte er anderen zugänglich
machen und als Unterstützung eine Dokumentation
schreiben. Doch da hat sich schnell gezeigt, dass es
gleich ein Buch wird, wenn man das vernünftig erklären
will, meint Thaller.
Ästhetisch ansprechende Bilder
Form, Farbe und Intensität nutzt Thaller bei seinen Objekten,
um das dahinterliegende physikalische Konzept zu verdeutlichen.
Daraus entstehen vor allem auch ästhetisch ansprechende
Bilder. Weil es bewegte, dynamische Illustrationen sind, bekommen
sie eine besondere Intensität. Neben dem eigentlichen
Filmstreifen, der meist immer wieder wiederholt wird, sind
in zusätzlichen Fenstern die entscheidenden physikalischen
Parameter dargestellt. Das Navigieren durch die beigelegte
CD-Rom ist ausgesprochen einfach gestaltet, um den User zu
entlasten. Sowohl das Buch als auch die CD-Rom sind auf Englisch
verfasst. In zwei Jahren soll ein zweiter Band erscheinen,
der sich u. a. mit den Zukunftsaspekten der Quantenmechanik
Stichwort Quantencomputer befasst. Thaller ist
vor rund zehn Jahren mehr zufällig zur EDV gekommen.
Schon bald haben ihn aber die Möglichkeiten fasziniert,
welche anschaulichen Darstellungsformen sich mit Computergrafiken
ergeben.
Bilder zum Nachdenken
Der Physiker/Mathematiker hat aber nicht "Bilderl-Schauen"
im Auge, sondern will zum Nachdenken anregen. Er ist überzeugt,
dass man sich der komplexen Physik im atomaren Maßstab
auch mit Hilfe von klug gewählten Visualisierungen nähern
kann. Die Effekte, die hier in wunderschönen farbigen
Bildern dargestellt werden, erinnern in der Formenfülle
vage an bekannte Darstellungen aus der Chaostheorie. Da wie
dort ist es aber gar nicht einfach, die Darstellungen zu programmieren.
Man muss die notwendigen Parameter sehr genau wählen,
damit wirklich Atom-Zustände sichtbar werden, die an
Kunstwerke erinnern und trotzdem sachlich den Studierenden
weiterhelfen. Das erfordert viel Erfahrung mit der Materie,
Fingerspitzengefühl und vor allem Arbeitsaufwand. Insgesamt
stecken rund vier Jahre Arbeit in dem Lehrbuch (Springer Verlag/Telos),
das seit Beginn des Semesters im Buchhandel erhältlich
ist. Aber auch im Internet können Beispiele aus dem Buch
bewundert werden.
Die aufwändige Produktion der 320 Filmsequenzen
die gesamte Software liegt im Quelltext vor und kann eigenen
Zwecken angepasst werden war aber nicht nur sehr arbeitsintensiv:
Mich hat das einfach selbst fasziniert. Man entwickelt
dabei auch ein anderes, neues Gefühl für die Quantenmechanik
und durchdringt dann die Materie neu.
Norbert Swoboda
Unter www.uni-graz.at/imaww/vqm/
finden sich einige der instruktiven Kurzfilme.