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BetreuerIn *03.10.02

Gelungener Start des neuen Medizinstudiums in Graz

Die Medizinische Fakultät der Universität Graz zog am 3. Oktober 2002 im Rahmen einer Pressekonfernez ein erstes Resümee zum erfolgreichen Start des neuen Studienjahres und stellte die wichtigsten Änderungen des ersten Semesters vor.

Univ.-Prof. Dr. Helmut Wurm, Dekan der Medizinischen Fakultät und
Univ.-Prof. Dr. Gilbert Reibnegger, Studiendekan:
Die Studienkommission hat als zuständiges strategisches Organ einen sehr ehrgeizigen Studienplan beschlossen. Dekan und Studiendekan sind als operative Organe verant-wortlich für die Umsetzung dieser Beschlüsse.
Bei einer so umfassenden Reform gibt es naturgemäß eine Reihe von Umsetzungs-problemen personeller, räumlicher, organisatorischer, logistischer, infrastruktureller und finanzieller Art.
Um nur die wichtigsten zu nennen: Die besonders innovativen Lehrveranstaltungen „Stationspraktikum“ und „Hospitation“, die den frühzeitigen Kontakt der Studierenden mit der Arbeitswelt der Medizin sicherstellen sollen, hängen bezüglich ihrer Durchführbarkeit in erster Linie von der Kooperationswilligkeit von Partnern außerhalb der Fakultät ab, nämlich der Anstaltsleitung des LKH-Universitätsklinikums und des Krankenanstaltenträgers (KAGes) ebenso wie von den externen Ärztinnen und Ärzten und von den vielen anderen beteiligten Institutionen. Zudem erfordern die neuen Lehrveranstaltungen zusätzliche Mittel, deren Zurverfügungstellung letztlich auch vom Wissenschaftsministerium abhängig ist.
Nach einem ebenso spannenden wie anstrengenden Jahr von entsprechenden Bemühun-gen, Verhandlungen und Vorbereitungen freuen wir uns sehr, dass das „Wunschdenken“ der Studienkommission mit den genannten Partnern nun tatsächlich in die „Wirklichkeit“ umgesetzt werden kann.
Die Hürden, welche gemeinsam mit den Angehörigen der Fakultät und den verschiedenen Partnern und Partnerorganisationen bewältigt werden konnten, sind beachtlich. Als Ver-antwortungsträger der Fakultät bedanken wir uns, auch im Namen unserer Studierenden, für diese fruchtbare und angenehme Kooperation herzlich.
Von den UniversitätslehrerInnen der Medizinischen Fakultät wurde die Umstellung auf die neuen Lehrformen aktiv mitgetragen, von der Universitätsleitung wurden wir in unseren Bemühungen durchaus gefördert (Beispiele: neue EDV- und AV-Ausstattungen in den Hörsälen, Unterstützung durch den Zentralen Informatikdienst). Dass wir schließlich durch die mit dem Beginn der neuen Curricula zeitgleiche Fertigstellung des Zubaues im Vorklinikgebäude die räumlichen Voraussetzungen für den geforderten Kleingruppen-unterricht wesentlich verbessern konnten, erlaubt uns das angenehme zusammenfassende Fazit, dass die Wirklichkeit dem Wunschdenken näher gekommen ist, als selbst die Optimisten unter uns noch vor einem Jahr angenommen haben.
Nach derzeitigem Stand (1. Oktober 2002) haben 536 Studierende mit dem Studium der Humanmedizin, 74 dem der Zahnmedizin und 11 weitere mit dem Doppelstudium nach beiden neuen Curricula begonnen.
Überraschenderweise sind darunter an die 100 "UmsteigerInnen", d.h. Studierende welche freiwillig das „alte” Medizinstudium aufgeben, und mit einem der beiden „neuen” beginnen. Rund die Hälfte davon hatten in den letzten beiden Jahren zu studieren begonnen, die übrigen hatten einen Studienbeginn zurückreichend bis in das Jahr 1992.
Die Gesamtzahl der StudienbeginnerInnen ist etwa gleich groß wie vor einem Jahr. Ohne Berücksichtigung der UmsteigerInnen ergibt sich allerdings ein Rückgang von etwa 15%. Der Anteil an Studentinnen ist weiter gestiegen und beträgt rund 66%.

Univ.-Prof. Dr. Jörg-Ingolf Stein, Vorsitzender der Studienkommission:
Das bisherige Medizinstudium in Graz – in Österreich – ist in seinen Grundzügen seit 100 Jahren unverändert. Der Schwerpunkt lag in der Vermittlung von vorwiegend theoretischen Lehrbuchwissen in einem starren Fächerkanon mit Trennung von Theorie und Praxis, Vorklinik und Klinik und sehr späten Kontakt mit Patientinnen und Patienten.
Die Studienkommission hat in mehrjähriger Arbeit, unter Einbindung vieler ausländischer Experten, mit dem Medizin Curriculum Graz (MCG) einen Paradigmenwechsel vollzogen.
Im MCG wird, ausgehend vom Leitbild der Medizinischen Fakultät Graz mit dem Bekenntnis zum Modell der biopsychosozialen Medizin, der Mensch in seiner Gesamtheit – in seiner biologischen, psychischen und sozialen Dimension - in den Mittelpunkt der Ausbildung gestellt.
Die vier Hauptziele des MCG sind:
- Vermittlung von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten
- Erwerb sozialer Kompetenz
- Differenzierung des Lernziele in ein Kern-Curriculum (muß jede/r Studierende beherrschen) und in Wahlfächer (20% des gesamten Stundenumfanges) zur Vertiefung und Aneignung von speziellen Inhalten
- Lebenslanges Lernen als Grundlage des weiteren beruflichen Lebens
In den Modulen (Einheiten zu je 5 Wochen) werden die Lerninhalte fächerübergreifend und themenorientiert an Hand von klinischen Präsentationen und möglichst früher Einbindung von praktischen Elementen gestaltet. Tracks sind Lerneinheiten, die über ein oder mehrere Semester zur Vermittlung von modulübergreifenden Inhalten dienen, z. B. Ärztliche Fertigkeiten oder Kommunikation/Supervision/Reflexion. Als innovatives Element wird Problemorientiertes Lernen als neue Unterrichtsmethode eingeführt.
Im ersten Studienabschnitt (2 Semester) absolvieren die Studierenden neben den Modulen der vorklinischen Fächer bereits verpflichtend ein Stationspraktikum mit Aspekten der Krankenpflege und Kommunikationstraining. Damit wird bereits im frühesten Stadium des Studiums der Kontakt zu Patientinnen und Patienten hergestellt. In der Studieneingangsphase dient eine Hospitation im extramuralen Bereich des Gesundheitssystems zur Berufsfelderkundung und soll den/der Studierenden eine Möglichkeit zur Reflexion der Entscheidung Medizin zu studieren bieten.
Im zweiten Studienabschnitt (8 Semester) erarbeiten die Studierenden sich mit zunehmend klinischeren Bezug das Wissen über den gesunden und kranken Organismus.
Im dritten Studienabschnitt (2 Semester) liegt der Schwerpunkt in der klinischen Tätigkeit („junior doctor“) und die Diplomarbeit muß abgeschlossen werden.

Pflegedirektorin DGKS Hedwig Eibel:
Je 300 Medizinstudenten werden im Oktober bzw. November 2002 auf den Normalpflegestationen des Univ. Klinikum Graz an einem Stationspraktikum teilnehmen. In dieser Zeit sollen die Studenten die Patienten begleiten und so den Tagesablauf auf den jeweiligen Stationen kennen lernen, um sich unter anderem davon zu überzeugen, ob diese Studienrichtung für sie richtig wäre.
Für uns Pflegende ist dies eine sehr große Herausforderung, schon von der Organisation her gilt es, doch 5-6 Studenten auf einer Station unterzubringen. Wir wollen natürlich die höchste Qualität im Pflegesektor bieten und versprechen uns durch das Stationspraktikum für die Zukunft eine noch bessere interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Univ.-Prof. Dr. Ursula Wisiak, Koordinatorin Stationspraktikum:
In der neuen Leitlinie der Medizinausbildung wird ein ganzheitlicher Weg verfolgt, wo biologische, psychologische und soziale Aspekte in Wechselbeziehungen zueinander stehen. In diesem Ansatz werden Gesundheit und Krankheit als natürliche Lebensphänomene verstanden; somit hat die Lehre von Beginn an in jenem aktuellen Spannungsfeld stattzufinden, wo Menschen leben und leiden. Bevor theoretische Grundlagen vermittelt werden, gehen die Studierenden für vier Wochen ins Uniklinikum/LKH und üben sich im wichtigsten Diagnostik- und Therapiezugang – der Beziehung zum leidenden Menschen. Sie begleiten Patienten. Aus dieser Rolle des Begleitens des Krankseins wird die Funktion der Studierenden definiert. Es geht hier also nicht primär darum, für den Patienten etwas Bestimmtes (wie Schwestern, Ärzte usw.) zu tun, sondern einfach bei ihm zu bleiben. Sie haben kein Stethoskop parat und verordnen kein Medikament, sie haben nichts zu „machen“, sondern sollen einfach nur da sein.
Daher soll der Studierende
- als Lernender und noch ganz am Beginn der Ausbildung stehend den Weg eines kranken Menschen mitgehen,
- Ablauf, Strukturen und institutionelle Bedingungen eines Krankenhauses kennen lernen,
- individuelle und kollektive Zusammenhänge zwischen gesund und krank erfahren,
- seine eigene Motivation zum Medizinstudium hinterfragen und erfahren, was in Zukunft vermehrt auf ihn zukommen wird.
Als theoretische Vorbereitung gibt es eine Vorlesung und Seminare mit Übungen, wo psychologische Phänomene der Interaktion und Kommunikation näher gebracht werden.

Dr. Matthias Horacek, Koordinator Hospitation:
Die Hospitation und das Seminar zur Hospitation sind Teil des Tracks „Einführung in die Medizin“. Bereits im ersten Semester haben die Studierenden die Möglichkeit insgesamt 12 Stunden in Ordinationen von niedergelassenen ÄrztInnen oder in Institutionen aus den Bereichen der Behinderten- und Flüchtlingsbetreuung, der Drogenberatung, des Kinderschutzes, der Hauskrankenpflege, des Öffentlichen Gesundheitsdienstes sowie in psychosozialen und sozialmedizinischen Zentren zu hospitieren.
Dadurch lernen sie die Struktur und Organisation ihrer Hospitationspraxis bzw. -einrichtung sowie die darin tätigen Berufsgruppen kennen und erhalten erste Einblicke in den extramuralen Bereich des Gesundheitssystems. Während der Hospitation haben die Studierenden mit Hilfe von Checklisten zwei Berichte über einen Klienten/in-Patienten/in-Kontakt sowie über ihr Berufsfeld, in dem sie hospitieren, zu verfassen. In den die Hospitation begleitenden Seminaren werden die Eindrücke und Erfahrungen der Studierenden in einer Peer-Gruppe diskutiert und unter professioneller Anleitung von SupervisorInnen reflektiert. Die zwei Berichte und die Mitarbeit im Seminar werden bewertet und in das Auswahlverfahren für die 264 Plätze für die Lehrveranstaltungen mit begrenzten Plätzen des zweiten Studienabschnitts miteinbezogen. Damit wird sichergestellt, daß an der Medizinischen Fakultät Graz in die Auswahl von künftigen Ärztinnen auch psychosoziale Kompetenz miteinbezogen wird.
Durch die Hospitation und das Stationspraktikum beginnt die Sozialisierung von Studierenden der Medizin erstmals in Österreich nicht nur im Chemielabor und im Seziersaal, sondern die Studierenden haben bereits im ersten Semester ihres Studiums Kontakte mit PatientInnen und KlientInnen. Sie lernen die verschiedenen im Gesundheitsbereich tätigen Berufsgruppen und ihre unterschiedlichen fachlichen Zugänge und Funktionen kennen. Dadurch soll das Verständnis der Studierenden für ein kooperatives Gesundheitssystem, in dem die einzelnen Berufsgruppen selbstverantwortlich ihren Tätigkeitsbereich mitgestalten, geweckt werden. In den Seminaren zur Hospitation lernen sie Reflexion und Supervision als Instrumente professioneller Arbeit kennen. Nicht zuletzt soll den Studierenden durch diese frühe Praxiserfahrung eine Möglichkeit zur kritischen Reflexion ihrer Entscheidung Medizin zu studieren geboten werden.
Dieses Projekt konnte nur durch die Unterstützung und das Engagement der 67 Lehrbeauftragten für die Hospitation umgesetzt werden, die insgesamt 741 Hospitationsplätze zur Verfügung stellen. Eine Liste der teilnehmenden Ärzte und Ärztinnen sowie der Institutionen liegt bei.

Univ.-Prof. Dr. Josef Smolle, Inhaltlicher Koordinator des Virtuellen Medizinischen Campus Graz:
Das Projekt VMC (Virtueller Medizinischer Campus) der Universität Graz wird vom Bildungsministerium finanziert. Mit dem VMC wird über das Internet eine elektronische Lehr- und Lernunterlage entwickelt und bereitgestellt. Die Studierenden haben dadurch die Möglichkeit, sich auf die einzelnen Vorlesungs- und Übungsstunden gezielt vorzubereiten und die Informationen als Grundlage für die Prüfungsvorbereitung zu nutzen.
Die Vorteile des VMC gegenüber herkömmlichen Lernunterlagen liegen auf der Hand: Die Inhalte können laufend aktualisiert und den Erfordernissen angepasst werden. Die Änderungen sind ohne Zeitverzögerung allen zugänglich. Im Gegensatz zu Büchern werden die Lerninhalte durch reichhaltiges elektronisches Bildmaterial, Videosequenzen, Animationen und Simulationen multimedial und praxisnahe vermittelt. Fragen zur Selbstkontrolle und simulierte Prüfungen werden das Angebot ergänzen.
Die parallele Entwicklung des VMC in Übereinstimmung mit dem neuen Diplomstudium ist in dieser Form einzigartig. Die Medizinische Fakultät Graz nimmt damit über Österreich hinaus eine Vorreiterrolle in der praktischen Anwendung neuer Medien im Medizinstudium ein.

Dr. Wolfgang Routil, Präsident der Ärztekammer Steiermark und Fortbildungsreferent der Österreichischen Ärztekammer:
Es gibt zwei langjährige Forderungen der Ärzteschaft für die Reform des Medizinstudiums, die mir sowohl als Präsident einer großen Landesärztekammer aber auch als Bildungsreferent der Österreichischen Ärztekammer höchst wichtig sind.
– Das Studium muss praxisorienter sein, wir wissen von den Medizinern, die ihre postpromotionelle Ausbildung, also den Turnus absolvieren, dass sie große Defizite in der praktischen Ausbildung sehen, die im Turnus aufgeholt werden müssen.
– Und, die Zahl der Absolventen muss in Einklang gebracht werden mit dem Arbeitsplatzangebot. Sowohl in den Spitälern als auch in der Niederlassung haben sich die Möglichkeiten in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert, einerseits weil der wirtschaftliche Druck größer geworden ist – Stichworte defizitäre Krankenkassen oder Kosten-Cutting im Spitalsbereich – aber auch weil alle Lücken geschlossen sind. Es gibt praktisch keine unterversorgten Gebiete mehr, es gibt keine neuen Stellen in den Spitälern und die aktiven Ärzte sind im Durchschnitt bereits so jung, dass es kaum mehr Bedarf an Nachwuchs gibt.
In Bezug auf die Praxisnähe bringt das neue Curriculum wichtige Fortschritte: Es bringt mehr Praxisnähe, und es bringt sie früher. Die künftigen Ärztinnen und Ärzte lernen ihre künftigen Kunden, ihre Patienten, ihre Arbeitsplatzsituation, bereits zu Beginn des Studiums kennen. Sie erleben – das hoffe ich zumindest – den ärztlichen Arbeitsalltag so früh, dass sie unter Umständen ihre Entscheidung für das Medizinstudium überdenken können – ein Ausstieg, ein Studienwechsel wird damit ohne große Zeitverluste möglich.
Im Rahmen des Studiums werden die Studierenden auch die Arbeit der niedergelassenen Ärzte praktisch kennenlernen. Dieser Bereich war ja in der bisherigen universitären Ausbildung nahezu völlig ausgeblendet.
Es ist auch erfreulich – und es zeigt, wie wichtig dies den aktiven Ärztinnen und Ärzten ist – dass viele niedergelassene Kolleginnen und Kollegen ihre Praxen für die Studierenden öffnen wollen.
Aber: Eine Beschränkung auf 260 Studienplätze in Graz löst das Problem der zu hohen Zahl der Ausgebildeten nicht. Wenn das neue Curriculum funktioniert, sollte sich die Dropout-Quote deutlich reduzieren. Das heißt der Großteil der 260 wird das Studium erfolgreich zu Ende bringen. Der Output von derzeit mehr als 200 Promovenden pro Jahr wird sich also nicht verändern.
Auf Österreich bezogen heißt das: Die Universitäten entlassen Jahr für Jahr 1000 promovierte Mediziner – 1000 künftige Ärztinnen und Ärzten, denen das österreichische Gesundheitswesen keine Arbeit geben will oder kann.
Die Universitäten wissen um diese Probleme – sie sehen natürlich auch das Problem, dass mit der größeren Zahl von Studentinnen und Studenten die Dichte der praktischen Ausbildung nicht einfacher wird – in Graz ist in diesem Punkt auch mehr gelungen als etwa in Wien.
Es wird auch wichtig aus den ersten Erfahrungen im neuen Curriculum zu lernen – es gibt zu Recht hohe Ansprüche, weil die Qualität der Ärzteausbildung für das Gesundheitssystem von höchster Bedeutung ist – es wird unser alle Aufgabe sein, die Politik darauf hinzuweisen, wenn wir feststellen, dass die Rahmenbedingungen weiter zu verbessern sind.

 

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