Laudatio von Rektor Wolf Rauch anläßlich
der sub auspiciis Promotion an der Karl-Franzens-Universität Graz am 27. April
1999
Sehr geehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrte Frau Landeshauptmann, sehr geehrter Herr Bischof, sehr geehrter Herr Bürgermeister, liebe Absolventinnen und Absolventen,
meine sehr geehrte Damen und Herren!
Vor genau 150 Jahren,
1849, gab es in der Nachfolge des Revolutionsjahres von 1848 eine tiefgreifende
Reform des Österreichischen Hochschulwesens. Sie ist unter dem Namen des
damaligen Unterrichtsministers Leo Graf Thun-Hohenstein bekannt geworden. Heute
stehen wir wieder mitten in einer mindestens vergleichbaren Umbruchsphase des
Universitätssystems. Sie hat 1993 begonnen und ist noch keineswegs zum
Stillstand gekommen.
Ist diese Strukturreform
des tertiären Bildungswesens ein Sturm im Wasserglas der höheren Schulen
oder mehr? Nun, wir Wiener und Grazer, sehr geehrter Herr Bundespräsident,
wissen nur zu gut, daß ein Sturm im Wasserglas nicht unterschätzt
werden darf: hat man doch zur Türkenzeit in den Kellern der Häuser
Wassergläser aufgestellt, um das Herannahen des Feindes frühzeitig
zu erkennen. In diesem Sinne, als Seismograph großer Veränderungen,
haben sich Wassergläser und universitäre Krisen schon immer sehr bewährt:
In den Jahren vor
1938 haben die verhängnisvollen Ideen des Nationalsozialismus an den Universitäten
und Schulen zu Spannungen geführt, deutlich bevor sie in anderen gesellschaftlichen
Bereichen in ihrer Tragweite erkannt worden sind.
Dreißig Jahre,
eine Generation, später, haben 1968 die Unruhen an den Universitäten
eine Entwicklung eingeleitet, die zu einem gewaltigen Umdenken in der gesamten
Gesellschaft geführt hat.
Heute, wiederum 30
Jahre später, schlägt der Seismograph der Universitäten erneut
heftig an.
Es ist sonderbar,
daß die Öffentlichkeit, die Medien, aber auch die Politik, diese
Alarmsignale nicht ernst nehmen: viele meinen, der Seismograph wäre kaputt,
müßte reorganisiert werden, gesundgeschrumpft, man glaubt, die Probleme
an den Universitäten wären bloß universitäre Probleme.
Das ist ein großer
Fehler. Die europaweite Krise des Universitätssystems betrifft den Kern
der Gesellschaft: Was heute an den Universitäten geschieht, sind die ersten
ernsten Auswirkungen der so gerne in Sonntagsreden und Leitartikeln beschworenen
"Informationsgesellschaft". Hier sehen wir unmittelbar und ungeschönt,
daß die Informatisierung aller Lebensbereiche mehr ist, als bloß
das Anhäufen neuer Informations- und Kommunikationsgeräte.
Die Informatisierung
ist die Loslösung unserer Gesellschaft vom geschriebenen Wort als primärem
Mittel der Weitergabe gesellschaftlichen Wissens und der Konstituierung der
sozialen Realität. Wir erleben den Übergang in eine neue multimediale
Informationskultur.
Die Informationsgesellschaft
ist nicht nur eine technische Entwicklung, sondern vor allem ein tiefer gesellschaftlicher
Bruch, der unsere sozialen und politischen Strukturen bis an ihre Existenzgefährdung
belastet und dessen Bewältigung für alle Beteiligten sehr schmerzhaft
werden könnte.
An der Universität
wurde diese Entwicklung durch Computernetzwerke, durch neue Publikationsformen
und vor allem durch die Verkürzung der Halbwertszeit des Wissens ausgelöst:
Jene Zeit, in der die Hälfte des Wissens in einer Disziplin obsolet geworden
ist, beträgt in manchen Gebieten schon nur mehr 2-3 Jahre!
Das Bildungssystem
reagiert bereits auf diese Entwicklung: Die Einrichtung von Fachhochschulen
war ein wichtiger und richtiger Schritt zum Angebot praxisrelevanter Studien.
Das neue Universität-Studiengesetz ermöglicht es den Universitäten,
endlich selbst die Studienpläne gestalten zu können. Das UOG 93 gibt
den Universitäten zumindest theoretische größere Autonomie.
Freiheit und Autonomie
der Universität sind aber nicht Selbstzweck, sondern notwendig und wichtig,
um die Universität in die Lage zu versetzen, sich selbst und damit die
Gesellschaft auf die Zukunft vorzubereiten.
Noch wissen wir nur
in groben Zügen, welche Probleme aber auch Gestaltungsmöglichkeiten
die neuen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten uns bringen werden.
Hier muß die
Universität als kreatives Biotop, als Treibhaus und Experimtierfeld neuer
Ideen tätig werden können. Dafür brauchen wir Freiheit, sogar
ein gewisses Maß an Chaos, damit sich neue Ideen entfalten können.
Dazu brauchen wir ein Bekenntnis zur Grundlagenforschung, zur Universitas als
Gesamtheit der Wissenschaft, zur freien Gestaltung unserer eigenen Angelegenheiten.
Dazu brauchen wir Offenheit und die Verhinderung sozialer Zugangsbeschränkungen,
um das gesamte intellektuelle Potential unseres Staates mobilisieren zu können.
Auf die scheinbar
universitären Probleme mit Sparpaketen, Statistikverordnungen und einer
unverminderten Regelungsdichte zu reagieren, ist nicht zielführend. Die
Probleme im Hochschulbereich als Problem des Hochschulbereiches zu verniedlichen,
heißt, den Kopf in den Sand zu stecken.
Aus diesem Grund
sind wir Ihnen, sehr geehrter Herr Bundespräsident, so außerordentlich
dankbar, daß Sie persönlich bei den sub auspiciis Promotionen anwesend
sind. Als oberster Repräsentant des Österreichischen Staates machen
Sie damit deutlich, daß Sie sich der Tragweite und Bedeutung der universitären
Situation für die Entwicklung unseres Gemeinwesens bewußt sind.
Die Universitäten
bilden die wichtigsten Entscheidungsträger in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft
aus: An den Universitäten findet die Zukunft unserer Republik schon heute
statt: Der Staat sollte daher sehr genau beobachten, was hier bei uns geschieht:
nicht um uns zu steuern, sondern um daraus zu lernen.
Der Staat darf und
muß den Universitäten auch sagen, was er von ihnen verlangt: Qualität,
Offenheit und Kreativität. Wenn die universitäre Gesetzgebung das
sicherstellt, kann der Gesetzgeber den Rest, die inhaltliche Ausgestaltung der
Studien und die Hochschulorganisation getrost den Universitäten selbst
überlassen.
Gerade sub auspiciis
Promotionen zeigen, daß Österreichs Universitäten bei allen
Problemen, die wir haben und an deren Lösung wir arbeiten, nach wie vor
zu Spitzenleistungen in Forschung und Lehre fähig sind. Vertauen Sie uns
ruhig. Wir werden Sie nicht enttäuschen, so wie diese Studierenden, derentwegen
wir uns heute versammeln, unsere Erwartungen nicht enttäuscht, sondern
weit übererfüllt haben.
Ich bitte nun die
Herren Dekane, die feierlichen Promotionen vorzunehmen.