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BetreuerIn * 15.11.99
Kippletter Kunst von Arbeit

Laudatio von Rektor Wolf Rauch anläßlich der sub auspiciis Promotion an der Karl-Franzens-Universität Graz am 27. April 1999

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrte Frau Landeshauptmann, sehr geehrter Herr Bischof, sehr geehrter Herr Bürgermeister, liebe Absolventinnen und Absolventen, meine sehr geehrte Damen und Herren!

Vor genau 150 Jahren, 1849, gab es in der Nachfolge des Revolutionsjahres von 1848 eine tiefgreifende Reform des Österreichischen Hochschulwesens. Sie ist unter dem Namen des damaligen Unterrichtsministers Leo Graf Thun-Hohenstein bekannt geworden. Heute stehen wir wieder mitten in einer mindestens vergleichbaren Umbruchsphase des Universitätssystems. Sie hat 1993 begonnen und ist noch keineswegs zum Stillstand gekommen.

Ist diese Strukturreform des tertiären Bildungswesens ein Sturm im Wasserglas der höheren Schulen — oder mehr? Nun, wir Wiener und Grazer, sehr geehrter Herr Bundespräsident, wissen nur zu gut, daß ein Sturm im Wasserglas nicht unterschätzt werden darf: hat man doch zur Türkenzeit in den Kellern der Häuser Wassergläser aufgestellt, um das Herannahen des Feindes frühzeitig zu erkennen. In diesem Sinne, als Seismograph großer Veränderungen, haben sich Wassergläser und universitäre Krisen schon immer sehr bewährt:

In den Jahren vor 1938 haben die verhängnisvollen Ideen des Nationalsozialismus an den Universitäten und Schulen zu Spannungen geführt, deutlich bevor sie in anderen gesellschaftlichen Bereichen in ihrer Tragweite erkannt worden sind.

Dreißig Jahre, eine Generation, später, haben 1968 die Unruhen an den Universitäten eine Entwicklung eingeleitet, die zu einem gewaltigen Umdenken in der gesamten Gesellschaft geführt hat.

Heute, wiederum 30 Jahre später, schlägt der Seismograph der Universitäten erneut heftig an.

Es ist sonderbar, daß die Öffentlichkeit, die Medien, aber auch die Politik, diese Alarmsignale nicht ernst nehmen: viele meinen, der Seismograph wäre kaputt, müßte reorganisiert werden, gesundgeschrumpft, man glaubt, die Probleme an den Universitäten wären bloß universitäre Probleme.

Das ist ein großer Fehler. Die europaweite Krise des Universitätssystems betrifft den Kern der Gesellschaft: Was heute an den Universitäten geschieht, sind die ersten ernsten Auswirkungen der so gerne in Sonntagsreden und Leitartikeln beschworenen "Informationsgesellschaft". Hier sehen wir unmittelbar und ungeschönt, daß die Informatisierung aller Lebensbereiche mehr ist, als bloß das Anhäufen neuer Informations- und Kommunikationsgeräte.

Die Informatisierung ist die Loslösung unserer Gesellschaft vom geschriebenen Wort als primärem Mittel der Weitergabe gesellschaftlichen Wissens und der Konstituierung der sozialen Realität. Wir erleben den Übergang in eine neue multimediale Informationskultur.

Die Informationsgesellschaft ist nicht nur eine technische Entwicklung, sondern vor allem ein tiefer gesellschaftlicher Bruch, der unsere sozialen und politischen Strukturen bis an ihre Existenzgefährdung belastet und dessen Bewältigung für alle Beteiligten sehr schmerzhaft werden könnte.

An der Universität wurde diese Entwicklung durch Computernetzwerke, durch neue Publikationsformen und vor allem durch die Verkürzung der Halbwertszeit des Wissens ausgelöst: Jene Zeit, in der die Hälfte des Wissens in einer Disziplin obsolet geworden ist, beträgt in manchen Gebieten schon nur mehr 2-3 Jahre!

Das Bildungssystem reagiert bereits auf diese Entwicklung: Die Einrichtung von Fachhochschulen war ein wichtiger und richtiger Schritt zum Angebot praxisrelevanter Studien. Das neue Universität-Studiengesetz ermöglicht es den Universitäten, endlich selbst die Studienpläne gestalten zu können. Das UOG 93 gibt den Universitäten zumindest theoretische größere Autonomie.

Freiheit und Autonomie der Universität sind aber nicht Selbstzweck, sondern notwendig und wichtig, um die Universität in die Lage zu versetzen, sich selbst und damit die Gesellschaft auf die Zukunft vorzubereiten.

Noch wissen wir nur in groben Zügen, welche Probleme aber auch Gestaltungsmöglichkeiten die neuen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten uns bringen werden.

Hier muß die Universität als kreatives Biotop, als Treibhaus und Experimtierfeld neuer Ideen tätig werden können. Dafür brauchen wir Freiheit, sogar ein gewisses Maß an Chaos, damit sich neue Ideen entfalten können. Dazu brauchen wir ein Bekenntnis zur Grundlagenforschung, zur Universitas als Gesamtheit der Wissenschaft, zur freien Gestaltung unserer eigenen Angelegenheiten. Dazu brauchen wir Offenheit und die Verhinderung sozialer Zugangsbeschränkungen, um das gesamte intellektuelle Potential unseres Staates mobilisieren zu können.

Auf die scheinbar universitären Probleme mit Sparpaketen, Statistikverordnungen und einer unverminderten Regelungsdichte zu reagieren, ist nicht zielführend. Die Probleme im Hochschulbereich als Problem des Hochschulbereiches zu verniedlichen, heißt, den Kopf in den Sand zu stecken.

Aus diesem Grund sind wir Ihnen, sehr geehrter Herr Bundespräsident, so außerordentlich dankbar, daß Sie persönlich bei den sub auspiciis Promotionen anwesend sind. Als oberster Repräsentant des Österreichischen Staates machen Sie damit deutlich, daß Sie sich der Tragweite und Bedeutung der universitären Situation für die Entwicklung unseres Gemeinwesens bewußt sind.

Die Universitäten bilden die wichtigsten Entscheidungsträger in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft aus: An den Universitäten findet die Zukunft unserer Republik schon heute statt: Der Staat sollte daher sehr genau beobachten, was hier bei uns geschieht: nicht um uns zu steuern, sondern um daraus zu lernen.

Der Staat darf und muß den Universitäten auch sagen, was er von ihnen verlangt: Qualität, Offenheit und Kreativität. Wenn die universitäre Gesetzgebung das sicherstellt, kann der Gesetzgeber den Rest, die inhaltliche Ausgestaltung der Studien und die Hochschulorganisation getrost den Universitäten selbst überlassen.

Gerade sub auspiciis Promotionen zeigen, daß Österreichs Universitäten bei allen Problemen, die wir haben und an deren Lösung wir arbeiten, nach wie vor zu Spitzenleistungen in Forschung und Lehre fähig sind. Vertauen Sie uns ruhig. Wir werden Sie nicht enttäuschen, so wie diese Studierenden, derentwegen wir uns heute versammeln, unsere Erwartungen nicht enttäuscht, sondern weit übererfüllt haben.

Ich bitte nun die Herren Dekane, die feierlichen Promotionen vorzunehmen.