Kunst kommt von Arbeit
Tempel der Arbeit
"Kunst kommt von Arbeit": unter diesem Titel präsentiert der 45-jährige steirische Künstler Mag.
Josef Schützenhöfer vor dem Hauptgebäude der Grazer
Karl-Franzens-Universität eine monumentale Installation. Das 5,1 Meter
lange, zwei Meter breite und 4,3 Meter hohe Objekt besteht aus acht
Postamenten und einem auf ihnen ruhenden Kubus. Die Schauseiten sind
bemalt: 16 Arbeiterinnen und Arbeiter der Grazer Steyr-Daimler-Puch
Fahrzeugtechnik GmbH sind in ihren dunkelblauen Arbeitsmonturen zu sehen,
über ihnen thronen Darstellungen eines roten Puch-Pinzgauer-Fahrzeuges,
wie es von Feuerwehren verwendet wird. Mag. Josef Schützenhöfer
thematisiert mit seinem Werk den Wert der menschlichen Arbeit, im
Polit-Jargon mitunter "Humankapital" genant, in dem seit genau 100 Jahren
bestehenden Grazer Puch-Werk. "Es ist für mich wichtig, dass dieser
'Tempel der Arbeit' vor der Universität, als dem 'Tempel der Wissenschaft'
zu sehen ist", sagt Schützenhöfer. Das zerlegbare Objekt ist in der
Sockelzone dort, wo die Arbeiterinnen und Arbeiter an gotische
Schwebefiguren erinnern und das Gewicht des von ihnen produzierten
Produktes auf ihre Schulter zu nehmen scheinen, begehbar. Als Bildträger
der Ölmalerei fungieren Platten aus Pappelholz. "Die Traditionelle
Malweise hat sich bei dieser Thematik angeboten", erklärt der Künstler,
der das Objekt in nur vier Monaten realisiert hat. Für Schützenhöfer ist
die "Kunst des Materials" von Bedeutung, egal, ob es sich um die Fertigung
eines Tafelbildes oder etwa um die Montage eines Auto-Getriebes handelt.
Werkspuren wie beispielsweise Farbspritzer illustrieren die Sinnlichkeit
des Arbeitsprozesses.
Kunst ins Werk
Da ich lange in der Welt war, ja eigentlich ein Reisender bin, war es notwendig
das Heimweh als wohltuenden Freund zu halten. In solchen Momenten tauchten
die prägnantesten Kindheitserlebnisse auf. Da ist z. B. der Plattformwagen
"Haflinger" mit seinen 13 Zoll Rädern und der 4 Mann-Besatzung samt
Blechhut. Dieses Bild spendet mir sogar noch heute ein Lächeln. Also mit
diesen periodisch aufwallenden Heimweh schrieb ich 1994 von Pennsylvania
einen Brief nach Graz an Steyr Daimler Puch, gab mein Anliegen kund den
verstaatlichten Betrieb meiner Kindheit, die Arbeiterwohnsiedlung, den
Betriebsrat zu besuchen und vielleicht auch eine "Kunst ins Werk " Aktion
zu starten. In Amerika hatte ich ja schon als bildender Künstler eine
gewisse Erfahrung gesammelt. Diese Briefaktion ging gut, ermutigte mich
doch der Pressesprecher der Firma mit den Satz: "Bei mir haben sie einen
Befürworter ihrer künstlerischen Aktionen gefunden." Seit diesem Zeitpunkt
war ich in regelmäßigen Intervallen in der Werkshalle der Firma
Steyr-Daimler-Puch zu Gast und erarbeitete ein Kunstobjekt, daß sich an
den Produkten der Firma orientiert und sich auch mit einem aufmerksamen
Blick auf die allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung der
Arbeiterschaft einstellt. Der Satz "Kunst kommt von Arbeit" wurde mir in
den Hallen der Fabrik zum Leitmotiv. Ich bin stolz darauf, diesen Satz im
Zusammenhang mit der 100Jahr Feier des Steyr Puch Konzerns auszusprechen.
Wichtig erscheint mir vor allem, daß wir mit Stolz auf diese Hundert Jahre
zurück blicken, noch wichtiger erscheint es mir, daß wir mit einer
gewissen Schärfe und Selbstsicherheit die nächsten Hundert Jahre ARBEIT
einfordern.
Josef
Schützenhöfer
Kunst aus Arbeit
100 Jahre Puch. Dem Maler Josef Schützenhöfer ist dazu Gewichtiges eingefallen.
Es kam nur der Pinzgauer
in Frage. Dreiachsig. Keiner kann so quaderschwer perfekt auf den
Säulen der Arbeit ruhen wie dieser weltbeste Geländewagen mit dem genialen
Zentralrohrrahmen. Schützenhöfer kennt sich aus. Wenn er einen Menschen
malt, kannst du aus dem Bild Röntgenbefunde ziehen und wenn er ein
Auto oder einen Traktor malt, suchst du den Boden darunter nach Ölflecken
ab. Wenn er sich ein Sujet einverleibt, dann wohnt und lebt er damit.
Vom Gedanken, einen gebrauchten Pinzgauer zu erwerben, ist er nach der
Schwerarbeit, den Wagen in Originalgröße von oben, unten, von vorn, von
hinten und den beiden Seiten zu malen, abgekommen: "Jetzt kenne ich ihn
schon wirklich ganz genau. Damit habe ich in hinter mich gebracht." Josef
Schützenhöfer ist der Sozialdemokrat unter den Malern, von einer arbeitskämpferischen
Grundhaltung durchdrungen, die fast schon romantisch wirkt
in ihrer Aufrichtigkeit. Die hat er sich in den USA konserviert, wo er
einundzwanzig Jahre lang lernte, lehrte, wirkte, ohne je seine Herkunft und
den Respekt vor österreichischer Wertarbeit zu verleugnen. Er fuhr VW-Bus
aus innerer Haltung, blieb immer kritisch dem Pursuit of Happiness gegenüber,
das die Amerikaner sogar in die Verfassung eingetragen haben: Das
Streben, die Jagd, nach dem Glück und seine grotesken Ausformungen. Zurück
in Österreich, sämtliche amerikanische Reputationen hinter sich lassend,
pflegt der geborene Steierer eine tiefe Zuneigung zur Arbeiterschaft
der Steyr-Daimler-Puch AG, wo er sich durch Hartnäckigkeit und
Ausdauer einen stillen Status als Werksmaler erarbeiten konnte. Zum Jubiläum
100 Jahre Puch erarbeitete er in monatelanger Arbeit diesen Aufbau,
Öl auf Malerplatte, massiv, zwölf lebensgroße Arbeiterportraits (zwölf
Namen, zwölf Schicksale), auf denen ein dreiachsiger Pinzgauer in Feuerwehrausführung
als leicht dramatisierter Fronthauber ruht, technisch, dynamisch,
in unnachahmlicher Spurwinkel-Perspektive. Detaillierter Unterboden,
auch dort, wo man ihn nicht sehen kann. Und wenn Schützenhöfer Räder
malt, sind es Portraits von Rädern. Man spürt, wie das Gewicht auf ihnen
ruht. Und wenn er Rot einsetzt, dann ist das eine Kraftnummer. "Kunst
kommt von Arbeit", lautet Schützenhöfers Manifest, um diesem überstandigen
"& kommt von Können" entgegenzutreten.
David
Staretz, Chefredakteur autorevue