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Islam in Österreich (bes) Interessant, aber schwer lesbar ist eine im Grazer Universitätsverlag veröffentlichte Dissertation über die Integration junger Muslime in Österreich. 28 Prozent der muslimischen Bevölkerung - rund 100.000 Personen - sind entweder in Österreichgeboren oder haben hier zumindest die Volksschule besucht. Die Eltern stammen meistens aus der Türkei oder den Nachfolgestaaten Jugoslawiens. Nikola Ornig legt keine islamwissenschaftliche Untersuchung vor, sondern eine soziologische Studie, die gestützt auf etliche Daten und Interviews einen umfassenden Überblick über die Situation junger Muslime in Österreich liefert. Neben einer Übersicht über die Zuwandererschübe der vergangenen Jahrzehnte, die verschiedenen Islam-Zentren und den rechtlichen Status der Muslime, wird auch die teils sehr unterschiedliche Lebenswelt der zweiten Generation aus der Nähe beschrieben. Im Zentrum steht die Frage, wie junge Muslime mit dem Spannungsfeld zwischen Herkunft und neuer Heimat umgehen. Für den durchschnittlichen Leser ist das Buch nicht geeignet. Dafür nehmen soziologisches Fachvokabular und methodische Diskussionen zu viel Platz ein. Wer aber ein besonderes Interesse an der Thematik hat, wird in dem Buch auf interessante Fakten stoßen.
Paris und Novgorod streiten in mir Mit großer Sensibilität nähert sich Heidelinde Pollerus dem Leben und Werk des Malers Wladimir Zagorodnikow und geht der künstlerischen Dualität, die sich im ihm vereint, auf den Grund. Wladimir Zagorodnikow wurde 1896 in Russland geboren und wuchs in der Bukowina auf. Seine künstlerische Ausbildung erfuhr er in Czernowitz und Paris, er gehörte zu den bekanntesten Künstlern der Bukowina. Nach seiner "Umsiedlung" nach Graz rekonstruierte Zagorodnikow seine von der orthodoxen Geisteswelt geformte Identität und fügte ihr eine "westliche" Facette hinzu. Dass die Apostrophierung als "steirischer Ikonenmaler" zu kurz greift, beweist Heidelinde Pollerus auf der Basis von fast siebenhundert Werken, die die Autorin zum großen Teil selbst besichtigte. Entgegen der bisherigen Rezeption des Malers, die hauptsächlich die theologische Komponente seines Werks - vor allem in den Darstellungen des Hl. Georgs - berücksichtigte, hat nur rund ein Viertel seiner Bilder unmittelbar religiöse Themen zum Inhalt. In seinen "ikonenhaften" Bildern konservierte Zagorodnikov nicht einfach traditionelle Muster, sondern vereinigte sie mit Konzepten der russischen Avantgarde und der europäischen Moderne. Gefühlswerte werden in Farbe gegossen, das Prinzip Ordnung scheint allen seinen Bildern innezuwohnen. Lebhaft schildert Heidelinde Pollerus das Kulturleben in der multiethnischen, multireligiösen und multilingualen Spähre von Czernowitz, deren Kenntnis für die vollständige Erfassung der Kunstäußerungen des Malers unabdingbar ist. Zahlreiche persönliche Fotografien und Dokumente illustrieren die wechselhafte Biografie Zagorodnikows, kurze Vorstellungen seiner Lehrer und Zeitgenossen zeigen die Summe von Einflüssen, die ihn zur Abstrakten Malerei führten. Stellungnahmen von Zeitgenossen runden das Bild des Künstlers ab, das, wie Barbara Aulinger im Geleitwort bemerkt, "die Person Zagorodnikow in einer etwas geheimnisvollen Schwebe" belässt. Heidelinde Pollerus gelingt es, auch das steirische Wirken des Künstlers, der bei der Austellung "Meisterwerke der steirischen Moderne" 2003 auf Burg Rabenstein unberücksichtigt blieb, in einem neuen Licht zu zeigen - im Licht der Moderne. Eine gelungene, vielschichtige und reizvolle Monografie. (Katharina Dilena) Dem Buch liegt eine CD-Rom mit Werkverzeichnis und Abbildungen bei.
Lethe entrissen: Wladimir Zagorodnikow, eine Rezension von Martin Titz: (Zum Lesen des Artikels klicken Sie bitte auf das Bild.)
Mythos freier Uni-Zugang (pech) Der freie Hochschulzugang bildet in Österreich seit Jahrzehnten einen Eckpfeiler der Bildungspolitik. Die Frage ist aber, war der Uni-Zugang wirklich immer frei und vor allem kann dieser auch in Zukunft aufrecht erhalten werden? Diesen Fragen geht die Österreichische Rektorenkonferenz nach und hat dazu auch 2005 eine Steuerungsgruppe eingerichtet. Die Ergebnisse der Experten sind in das Buch eingeflossen. Es analysiert die bildungswissenschaftlichen, sozialen, finanziellen, europäischen und psychologischen Aspekte des Hochschulzugang und sucht nach zukunftsfähigen Lösungen. Bei der Akademikerquote sowie der Bildungsbeteiligung im tertären Sektor liegt Österreich im internationalen Vergleich zurück, Studierende aus bildungsfernen Schichten sind trotz freien Hochschulzugangs unterrepräsentiert. Die Ausbildungsbedingungen haben sich vor allem an sogenannten Massenfächern enorm verschlechtert. Unterfinanzierung und freier Hochschulzugang haben negative Effekte auf die Lehr- und Lernkultur, urteilt etwa ein Autor. Das Buch beeinhaltet eine umfassende Debattte über Probleme des Österreichischen Universitätssystems und zeigt eine Reihe von Lösungsansätzen auf. Einer davon wäre etwa die Einführung der jetzt von den Rektoren geforderten Studienplatzbewirtschaftung.
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(Gerhard Einsiedler) Einblicke in die verschiedensten Lebenswelten von behinderten Menschen gibt das im Leykam Verlag erschienene Buch "Menschen mit Behinderung - Lebenswerte Lebenswelten". Der Sammelband enthält die zur gleichnamigen Ringvorlesung gehaltenen Vorträge und besticht durch Themenvielfalt und Authentizität. Der vorliegende Sammelband bildet die Basis der gleichnamigen Ringvorlesung "Menschen mit Behinderung" an der Karl-Franzens-Universität Graz. Die Ringvorlesung fand bereits das dritte Jahr statt. Die erste dieser Art - im Sommersemester 2006 abgehalten - stand unter dem Thema "Leben wie andere auch?"; auch darüber liegt ein begleitender Sammelband vor Anita Prettenthaler-Ziegerhofer (Hg.), Menschen mit Behinderung. Leben wie andere auch?, Graz 2006, Die darauf folgende Ringvorlesung 2007 hatte das Postulat "Inklusion - vom Schlagwort zum Menschenrecht" zum Inhalt. Schriftlich fand sie ihren Niederschlag in einem Reader. Ringvorlesung und Sammelband waren im Sommersemester 2008 den "Lebenswerten Lebenswelten" gewidmet. Das Buch beschert der Leserin, dem Leser authentische Eindrücke in die Lebenswelt behinderter Menschen aus der Sicht von Menschen mit und ohne Behinderung. Möglicherweise liefern die so unterschiedlichen Beiträge im Sammelband Denkanstöße für die Definition unserer eigenen lebenswerten Lebenswelt. Vielleicht geben die Autorinnen und Autoren auch Anregungen für unsere ureigenste Suche nach dem Lebenssinn und nach der Suche zur eigenen Mitte. Sehr persönlich beschreibt etwa Sebastian Ruppe seine Reise nach seinem Unfall in die neue Lebenswelt Rollstuhl. Wenn Katharina Berger ihr buntes Leben trotz Atemmaschine schildert, bleibt nur Staunen und Demut, wie Menschen trotz Behinderung fröhlich und kokett ihr Leben gestalten. Im Beitrag "Betreutes Wohnen in der Schererstraße" wird unspektakulär, aber dafür umso eindrucksvoller, beschrieben, wie inklusiver Alltag gelebt werden kann. Daniela Brunner-Pint entführt mit dem Projekt "Mirabilis" in die Welt der Sinne. Alois Gstättner lädt in die Welt der Klänge und stellt die neuen Herausforderungen des integrativen Musikunterrichts vor. Die hörbehinderte Künstlerin Sabine Wallner (McBEE) zeigt, dass Schauspielen mit Hörbehinderung ein eindrucksvoller Bravourakt ist. Der Sammelband enthält aber auch lesenswerte theoretische Beiträge zu den Bereichen Arbeit, Psychologie, Tourismus, Universitäten, Alter und Behinderung oder Tod. Susanne Rieser versteht Behinderung im Zusammenhang mit dem Sterben und weist darauf hin, wie Sterbene von uns - von der Umwelt - in ihrem Sterben "behindert" werden. Schlussendlich fordert Franz-Joseph Huainigg das Recht für behinderte Menschen ein, etwas leisten zu dürfen. Ein Buch, das durch seine Mischung aus Theorie und Praxis beeindruckt, zum Nachdenken anregt und betroffen macht - und Lust auf eine weitere Ringvorlesung (mit Sammelband) erzeugt.
In einem Pilotprojekt wurden alle 34 Gemeinden des Bezirkes Murau auf bestehende und mögliche zukünftige Formen der interkommunalen Zusammenarbeit untersucht. Auf breiter empirischer Basis haben die Autorinnen und Autoren erstmals Handlungsempfehlungen für einen ganzen Verwaltungsbezirk erarbeitet. Die umfassende Erhebung verschiedenster Daten bis hin zu Befragungen der Kommunalpolitiker und -politikerinnen vor Ort macht die Stärken wie auch Schwächen der Gemeinden sichtbar. Die Darstellung der rechtlichen Möglichkeiten wird mit konkreten Praxisempfehlungen sowie Berechnungsgrundlagen für zukünftige strategische Handlungen der Gemeinden und Kleinregionen verbunden.
Im Verwaltungsbezirk Murau in der Steiermark wurden erstmals alle 34 Gemeinden in Hinblick auf interkommunale Zusammenarbeit untersucht. Dabei wurde aber nicht nur bereits bestehende Zusammenarbeit berücksichtigt, sondern auch eine mögliche künftige Kooperation zwischen den einzelnen Gemeinden beleuchtet. Die Bandbreite reicht dabei von inhaltlichen Vorschlägen, über den rechtlichen Rahmen bis hin zur Vorstellung von "Best-Practice-Beispielen". Für alle Gemeinden, die sich für Gemeindekooperationen interessieren, ist dieses Buch eine Hilfestellung, in der eigenen Kleinregion eine Kooperation zu planen und durchzuführen.
(Johannes Drerup) Paternalistische Doktrinen und Arrangements, also solche angeblich allein zu Gunsten des vermeintlich der Hilfe Bedürftigen, stellen ein ethisches Grundproblem der Sozialpädagogik dar, welches jedoch im deutschen Sprachraum erst äußerst selten untersucht und noch seltener unter dem Konzept Paternalismus subsumiert wurde. Stettners "theoretische Studie", eine Dissertation, in welcher die umfangreiche und interdisziplinär geführte angloamerikanische Paternalismusdebatte erstmals umfassend rezipiert wird, um das in dieser angelegte konzeptuelle und theoretische Differenzierungspotential für die Sozialpädagogik nutzbar zu machen (s. hierzu auch Stettners Beitrag in Heft 4/2006 dieser Zeitschrift), gliedert sich in fünf Teile. In den ersten drei Abschnitten wird in die grundlegende Problematik eingeführt, in den letzen beiden analysiert Stettner verschiedene paternalistische Begründungs- und Rechtfertigungsmodelle. Außerdem geht sie auf einige Theorieansätze aus der sozialpädagogischen Literatur ein, in denen die Problematik implizit oder explizit auftritt. Im Ergebnis will sie die fast schon bekenntnishafte Identifikation der sozialpädagogischen Diskussion in dieser Frage mit Micha Brumliks advokatorischer Ethik beenden (S. 1). Zu monieren ist, dass die insgesamt verdienstvolle Rezeption der angelsächsischen Beiträge zur Debatte mitunter etwas eklektizistiscfhe und teilweise dezisionistische Züge annimmt. Das wird insbesondere in Kapitel zwei deutlich, in welchem Stettner ohne methodologisch aufgeklärte konzeptuelle Analyse einige der angloamerikanischen Begriffsdebatten vorstellt. So ist zwar richtig, dass das Paternalismuskonzept eine Art umbrella concept darstellt, unter welchen die verschiedensten Konfigurationen von Konzepten und Konzeptionen Platz finden. Allerdings besteht in der Debatte keineswegs Einigkeit darüber, welche Merkmale und Bedingungen gegeben sein müssen, um eine Handlung oder ein systemisches Arrangement mit dem Prädikat "paternalistisch" versehen zu können. Die sechs Merkmale beispielsweise, die nach Stettner für das Paternalismuskonzept konstitutiv sein sollen, werden von den verschiedenen Autoren, die sie aufzählt, entweder teilweise überhaupt nicht als Teil des Konzepts anerkannt, oder aber sie werden unterschiedlich gewichtet. Stettners teilweise essentialistischer Begriffsgebrauch ("Paternalismus ist immer..."), durch welchen einander widerstreitende theoretische Positionen unter ein einziges Konzept subsumiert werden, zeigt sich außerdem darin, dass sie nicht zwischen Paternalismusdoktrinen, also Rechtfertigungsmodellen, und diesen zugeordneten, aber nicht mit diesen gleichgesetzten Praxen (etwa paternalistische Lügen oder Handlungen) unterscheidet. Am Ende der Studie widerspricht sie zwar der Gültigkeit der Resultate der eigenen "definitorischen Klärungen" mit der Aussage, dass es "nicht nur eine gültige Definition von Paternalismus" (S. 192; Kursivierung im Original) gäbe. Gleichwohl hat sie mitder Übernahme von Gerald Dworkins Definition aus dem Jahre 1922 als dem theoretischen Ausgangspunkt ihrer Argumentation (S. 58) bestimmte Fälle sowohl auf der Begründungs- wie auf der Praxisebene von vorneherein als nicht paternalistisch klassifiziert, wodurch der Fortgang und die theoretischen Möglichkeiten ihrer Untersuchung nicht nur eingeschränkt, sondern auch normative Vorentscheidungen bezüglich des Gegenstandsbereichs und seiner Bewertung gefällt wurden. Außerdem übernimmt Stettner die tradierte Deutung der Pädagogik im Umgang mit ethischen Problemen, indem sie bei der Aufarbeitung der Paternalismusdebatte davon ausgeht, dass alleine menschliche Handlungen Ausgangs-/Feferenzpunkt ethischer Analysen zu sein haben; damit wird (zunächst) die Auseinandersetzung mit Wirkungen institutionialisierter systemischer Arrangements ausgeblendet. Später führt Stettner die Unterscheidung zwischen einer institutionellen und einer individuellen Beziehungsebene ein (S. 106; 167), wobei sich allerdings der Paternalismus auf der institutionellen Ebene (auch "struktureller Paternalismus" genannt) nicht mehr mit den konstitutiven Merkmalen eines handlungstheoretisch konzipierten Paternalismus beschreiben lässt. Kurzum: Die handlungstheoretische Festlegung auf Dworkins Definition passt nicht zum strukturellen Paternalismus, die Absicht der Verfasserin, in der Sozialpädagogik gängig systemische Duale (Hilfe-Kontrolle; Gerechtigkeit-Fürsorge, Nähe-Distanz) auf paternalistische Doktrinen zu beziehen und zu reformulieren (S. 195), ist zweifellos verdienstvoll, nur lässt sich dies nicht über eine handlungstheoretische Aufarbeitung paternalistisch orientierter Arrangements erreichen. Kritik verdient auch Stettners Zurückhaltung in Sachen des für die Paternalismusproblematik zentralen Autonomiebegriffs bzw. der diesem inhärenten Zuschreibungsproblematik (die in der Unterstellung der Autonomie des Adressaten besteht). Nach Stettner führt diese Zuschreibung auf eine Person oder Handlung zwangsläufig in einen infiniten Regress, da dem Zuschreibenden selbst wieder Autonomie zugeschrieben werden müsse, ad infinitum. (S. 57) Bei dieser Feststellung belässt es Stettner, ohne auf die Problematik eines - gerade in der Sozialpädagogik gängigen - "weichen Paternalismus" (= Einschränkung der Freiheit eines ohnehin nur eingeschränkt freien, handlungsfähigen Adressaten) einzugehen. Unklar ist des Weiteren, welche Autonomiekonzeption Stettner jeweils tatsächlich vertritt (z. B. positiv/negativ, prozedural/formal, substanziell/graduell) udn ob sie empirisch-psychologische und/oder normative Annahmen jeweils voraussetzt. So wird manchmal von unautonomen Entscheidungen (S. 128) oder der Beförderung von Freiheit als Autarkie (S. 147), mal von Verminderung der Freiheit (S. 132) oder Autonomiegewinn bzw. Autonomiezwang (S. 195), mal von sozialen Bedingungen von Freiheit gesprochen; am Ende kommt noch der (triviale) Verweis hinzu, dass Freiheit nicht als absolute sondern nur als "graduelle Freiheit in sozialen Beziehungsnetzen zu verstehen" (S. 194) sei. Was jedoch Autonomie oder Freiheit im jeweiligen Kontext genau bedeuten soll, wird nicht näher expliziert. So haben denn auch die "vier Maximen paternalistischen Handelns", die Stettner am Ende ihres Buches als rezeptologisches Anhängsel für die "Praktizierung eines disziplinierten Mitleids" dem Leser anempfiehlt, eher den Charakter abstrakter Postulate, deren Anspruch auf Orientierung und eine potentielle Verbesserung der Praxis nicht ausreichend theoretisch fundiert ist.
(Christian Krumm) In der Geschichte Europas ist von der Antike bis in die Neuzeit hinein das Phänomen plötzlich erscheinender, kriegerischer Reiterscharen bekannt, die ganze Länder verwüsten, hochgerüstete Armeen vernichten und sich durch ihre fortschrittliche Kriegsführung wie durch ihre einfache, als primitiv empfundene Kultur auszeichnen. Herodot wusste bereits über die Skythen solche Urteile zu fällen und nach ihm gab es zahlreiche weitere Autoren, die sich in Exkursen oder Randnotizen zu den jeweiligen Völkern äußerten. Als Quelle zur Erforschung der Reiternomaden sind diese Hinterlassenschaften unverzichtbar und dennoch mit Vorsicht zu genießen, hat doch die Schilderung eines fremden Volkes auch stets einen Eigennutz im Hinblick auf Identität und Situation des Verfassers selbst. Tacitus "Germania" ist nur eines der prominenten Beispiele für eine solche Darstellung, die , unter dem persönlichen Eindruck des Autors von den Zuständen im römischen Kaiserreich entstanden, über Jahrhunderte für die tollsten Zerrbilder und Interpretationen in Selbst- und Fremdbild einer Nation gesorgt hat. Die Frage nach den Vorbildern und Hintergründen der Darstellungen von asiatischen Nomadenvölkern einer Untersuchung zu unterziehen, erscheint daher sowohl im Hinblick auf die außereuropäische Geschichtsforschung als auch auf die Untersuchungen nationaler Selbst- und Fremdbilder als äußerst sinnvoll. Mit fundierter Kenntnis und dem Studium einer ansehnlichen Zahl von Quellen widmet sich Johannes Gießauf dieser Aufgabe. Was er auf nicht einmal 200 Seiten als Ergebnis präsentiert, ist eine "Bildergalerie" reitender Heerscharen, die aus der Geschichte der hellenistischen und abendländischen Kultur nicht wegzudenken sind und denen die Zeitgenossen oft mit Furcht, Unsicherheit und Argwohn entgegentraten. Der Umfang ist erwähnenswert, weil sich das Buch so als Überblickslektüre gut eignet und dennoch, wo es notwendig erscheint, auf Details und Hintergrundinformationen nicht verzichtet. Das spezifisch asiatische Nomadentum als "Zentralasiatisches Kultursyndrom" (S. 14) und dessen Wahrnehmung stellt der Autor im ersten Kapitel des Buches dar. Der Nomade als "absolute Antithese zur Zivilisation" und "Tiefstpunkt menscherlicher Existenz" (S. 53) ist einer der wesentlichen Hintergründe, vor dem die Darstellungen diverser Autoren vom 5. bis zum 13. Jahrhundert zu betrachten sind. Im folgenden Kapitel zeichnet der Verfasser dann ein interessantes Bild von Entwicklung und Kontinuität in den Kommentaren zu den Nomadenvölkern von den Ungarn bis zu den Mongolen. Dass stets das Motiv des grausamen Reiterkriegers im Vordergrund stand, mag nicht überraschen, doch Gießauf gelingt es außerdem eine Vielzahl mittelalterlicher Autoren die jeweiligen Spezifika der Darstellung anhand ihrer eigenen Erfahrungen und der bereits vorhandenen Vorbilder zu identifizieren. Besonders erwähnenswert ist die detaillierte Analyse der entsprechenden Passagen über die Hunnen in den "Rerum gestarum" des Ammianus Marcellinus, der damit einen neuen "Stereotypen-Fundus für nachfolgende Generationen" (S. 72) lieferte. Die Awaren sind fast ausschließlich in byzantinischen und fränkischen Quellen präsent, wobei letztere sie vornehmlich zur Rechtfertigung des Feldzugs Karls des Großen als barbarisch beschrieben. Für die Ungarn weist Giessauf bei einem Autoren wie Widukind von Corvey "alle ihm bekannten reiternomadischen Stereotypen" (S. 126) nach, die auch seine Vorläufer auszeichneten. Wahre Heilsvisionen lösten die Erzählungen von den ersten Mongolenfeldzügen in Nordasien bei den Kreuzfahrern in Palästina aus. Sie träumten von einer Hilfe König Davids gegen den muslimischen Erzfeind. Erst die Berichte aus Russland ließen die seit den Hunnen vielfach beschworene "Geißel Gottes" wieder in das Bewußtsein der abendländischen Beobachter treten und nachdem die Mongolen mit ihren Feldzügen Osteuropa verheert hatten, trat wiederum die "Identifizierung der Tartaren als Endzeitvolk" (S. 172) in den Vordergrund. So weiß Giessauf zusammenfassend den Vergleich jüngerer Völker mit den älteren und das Bild der grausamen und primitiven Kriegskultur, als "den Bildern besondere Ausdruckskraft" (S. 175) verleihende Komponenten zu nennen. Die Interessenten für diese Studie werden wohl nicht in erster Linie innerhalb der Forscherkreise der genannten Quellenautoren, so wenig wie im Umfeld der Hunnen- oder Mongolenforschung zu finden sein, sondern mehr in einem bestimmten Zweig epochenübergreifender Kulturwissenschaften, die sich mit der Herkunft nationaler Selbst- und Fremdbilder sowie Stereotypen auseinander setzt. Für sie bietet Gießauf einen lesenswerten Überblick zur abendländischen Rezeption asiatischer Steppenvölker als Basis für weitergehende Überlegungen zum Einfluss dieser Faktoren auf das heutige Bild, besonders der russischen Nationalität. In solchen Grenzen sollte das Buch jedoch auch gesehen werden, denn - und dies sei als einziger Vorbehalt genannt - bei dem unbedarften Leser werden durch das Vorwort Erwartungen im Hinblick auf dieses Thema geweckt, die Gießauf nicht erfüllt, nämlich zu zeigen, "vor welchem Hintergrund und aus welchen kollektiven Wissen heraus Steppennomaden bis in die jüngste Vergangenheit als Krone des Barbarentums und als schlimmste aller Feinde instrumentalisiert wurden und werden." (S. 10) Das von ihm eingangs erwähnte, durch Goebbels gezeichnete barbarische Russenbild zum Beispiel, ist kein Resultat einer langen Entwicklung, sondern lediglich ein Symptom des eigenen Rückfalls in nahezu barbarische Geisteszustände. Insbesondere die Wahrnehmung des russischen Zarenreichs muss innerhalb des Spektrums von Barbarenvolk und Kulturnation als äußerst vielschichtig und in Teilen als ambivalent betrachtet werden. Mag die Wahrnehmung des Bolschewismus im 20. Jahrhundert an das Bild des "wilden Russen" angeknüpft haben, der bewusste Rückgriff auf solche Stereotypen sagt dennoch meist mehr über propagandistische Hintergründe des Verfassers, als über den Einfluss der mittelalterlichen Nomadenrezeption aus. Doch gerade für den, der sich mit solchen Fragestellungen eingehender befassen möchte, wird die Lektüre von Gießaufs Buch sicher äußerst gewinnbringend sein.
Burnout kann jeden treffen! Für die Wirtschaftswissenschaftlerin L. Jerich spielen persönliche Prädispositionen als Ursache für Burnout eine untergeordnete Rolle. In ihrer Dissertation untermauert sie nicht nur die Thesen führender Burnout-Forscher wie Ch. Maslach und M. Leiter bzw. I. Rösing, dass unternehmenskulturellen und gesellschaftlichen Faktoren eine wesentliche Bedeutung in der Burnout-Entstehung zukommt, sie stellt vor allem das Phänomen der Entfremdung, dass sich im Burnout als Depersonalisation bzw. Dehumanisierung ausdrückt, als Leitsymptom in den Vordergrund. Dies dient ihr als Unterscheidungskriterium zwischen Arbeitsstress und Burnout als eigenem Syndrom. Sie legt technologische, wirtschaftliche und soziale Faktoren der Veränderung dar und bringt diese in Bezug zu steigenden Burnoutzahlen. So beschreibt sie, dass anders als vor 30 Jahren heute gerade ein Verlust an Idealen, eine zunehmende Orientierung an eigennützigen Zielen in Form von Macht und Geld zu Sinnentleerung und entfremdeten Gefühlen in der Arbeit beiträgt. Wertekonflikte zwischen Organisation und der eigenen Person ließen sich immer seltener lösen und es sei schwieriger geworden eine authentische, den persönlichen Neigungen entsprechende Berufswahl zu treffen. Darüber hinaus führe der wirtschaftliche Wandel auch zu einer Entfremdung im zwischenmenschlichen Bereich. In einer Atmosphäre, die geprägt ist von steigendem Druck zu Gewinnmaximierung und Arbeitsplatzunsicherheit nehme die Bereitschaft zur gegenseitigen Unterstützung ab, unfaire Verhaltensweisen und die Tendenz zu Mobbing steigen. Als burnoutpräventive Maßnahmen streicht sie zum einen ein geeignetes Unterstützungs- und Beratungsangebot bereits in der Berufswahl und zum anderen wertorientierte Führungsansätze heraus, die der Individualität von Mitarbeitern Rechnung tragen und es ihnen wieder ermöglichen, eigene Ideale im Unternehmen einzubringen. Insgesamt versucht das Buch eine Lücke in der Burnout-Forschung zu schließen, in dem vor allem der bislang eher vernachlässigte Aspekt der Entfremdung in den Vordergrund gestellt und mit seinen soziologischen wie wirtschaftlichen Wurzeln und Folgen beleuchtet wird. http://www.ibos.co.at/default.asp?content=content/burn-rezensionen.asp
Zum Lesen des Artikels klicken Sie bitte auf den Link: Konrad Paul Liessmann in DIE PRESSE |

